Nationalsozialismus

Propagandafilme im Nationalsozialismus

Der Film »Der ewige Jude«

Von Daniel Heintz

Für Hitler waren die Juden "das Böse" schlechthin. Von Anfang an hatte er vor, sie auszurotten. Zusammen mit dem Propagandaminister Goebbels, der dieselbe krankhafte Auffassung vertrat, machte sich Hitler den Film zu Nutze, um seine Propaganda ans Volk zu bringen.
"Der ewige Jude" ist einerseits "ein Meisterwerk" wegen der geschickt eingesetzten filmischen Mittel, andererseits der wohl schlimmste Propagandafilm, der je gedreht wurde. Neben "Jud Süß" ist er der radikalste und menschenverachtendste Propagandafilme im Dritten Reich. Der ganze Film ist voll von antisemitischer Hetzpropaganda. In Deutschland ist "Der ewige Jude" verboten und darf nur mit Erlaubnis - etwa zum Zwecke der Forschung an Universitäten - angesehen werden. Allerdings muss man berücksichtigen, dass von der Lügenpropaganda auch heute noch eine große Gefahr ausgeht. Als der Film an der Universität in München gezeigt wurde, diskutierten die Studenten über das Schächten - ein jüdisches Ritual, siehe unten - anstatt die Propaganda zu verurteilen. "Der ewige Jude" ist ein Kultfilm der Neonazis, wird aber auch in der arabischen Welt gezeigt. In Amerika ist der Film freigegeben, man kann aber auch weltweit im Internet Bilder, Filmausschnitte und Originaltext zum Film finden.

"Der Ewige Jude" war nach den Vorstellungen Hitlers und Goebbels als Ergänzung zu "Jud Süß" gedacht. Als "Dokumentarfilm" sollte er dem deutschen Volk glaubhafte Argumente über die Minderwertigkeit der jüdischen Rasse liefern. Goebbels selbst konzipierte und produzierte den Film, er war Auftraggeber und Produzent. Regisseur war Fritz Hippler, der die Filmabteilung im Propagandministerium leitete. Er selbst bezeichnete den Film bei seiner Uraufführung am 28.11.1940 als "Symphonie des Ekels und des Grauens". Nach dem Krieg sagte er, der Film sei "eine Negation alles Humanen", eine Verleugnung alles Menschlichen. Hitler und Goebbels waren die eigentlichen Regisseure. Sie nahmen Einfluss bis in kleinste Detail und ließen den Film mehrmals umarbeiten. Jede Einstellung, jedes Wort und jeder Schnitt wurden sorgfältig ausgewählt. Über 13 Monate hindurch wurde der Film - meist auf Anordnungen von Hitler und Goebbels persönlich - umgeschnitten und mit dem Text in verschiedene Fassungen gebracht Die Versionen wurden immer kämpferischer und blutrünstiger und entsprachen schließlich Hitlers Vorstellungen von einem Propagandafilm.
Ausführlich wurde "Der Ewige Jude" in Presse und Rundfunk angekündigt. Goebbels hielt den Film für so wichtig, dass er der Presse bestimmte Anweisungen gab. Der Film durfte nicht als antisemitisch bezeichnet werden. Die Zuschauer sollten glauben, dass dieser Film das Judentum zeigt, wie es ist. Dieses Ziel wurde auch im Programmheft zum Film angstrebt. Goebbels war der Überzeugung, dass Propaganda nur dann die erwünschte Wirkung erzielt, wenn sie nicht als Propaganda aufgefasst wird, sondern als Wahrheit.
"Der ewige Jude" und "Jud Süss" zeigen deutlich, welche furchtbaren Pläne Hitler und Goebbels entwickelt hatten. Zusammen mit Rundfunk und Presse sollte die Bevölkerung auf den Holocaust, die Massenvernichtungen, vorbereitet werden. So konnte jeder Bürger in dem Film Scheingründe finden, warum er keinen Widerstand leistete oder sogar bei der Judenverfolgung mithalf.

Während "Jud Süß" sich mehr an die breite Masse wandte, wurde "Der ewige Jude" laut Geheimdienstberichten vom typischen Filmpublikum eher gemieden. Er war mehr für die schon antisemitisch Eingestellten gedacht, für die künftigen Vollstrecker. Beide Filme wurden nach Himmlers Erlass wiederholt Polzei- und Wehrmachtseinheiten sowie dem Wachpersonal von Konzentrationslagern vorgeführt. Die Filme wurden außerdem immer dann in bestimmten Gebieten gezeigt, wenn Deportationen bevorstanden. Angeblich mussten auch ganze Dörfer in der Umgebung von Konzentrationslagern den Film zwangsweise angucken.

Der Einsatz von Licht, die Kameraperspektive, emotionalisierende Musik, die Benutzung von Schlagworten, all das und vieles mehr bringt die Botschaft - die Vernichtung der Juden - zum Ausdruck. So wurden etwa Juden in einem dunklen Licht gezeigt und sollten "zwielichtig" wirken; bei der "arischen Rasse" war das Bild hell und klar. Es wurden auch starke Gegensätze eingesetzt: Juden wurden oft von der Seite gefilmt oder schauen "hinterlistig" und "feige". Die deutschen Soldaten dagegen blicken zielstrebig nach vorne. Wie die pure Wahrheit wirken sollte die Gegenüberstellung vom "Juden im Original" und dem "getarnten, europäischen Juden".
Auch mit der Musik wurden die Zuschauer gezielt manipuliert. Am Anfang des Films und immer dann, wenn Juden ins Bild kamen, war die Musik düster, dramatisch, orientalisch-schwülstig und verzerrt, sie sollte "dämonisch" wirken. Bei "nordischen Menschen" wurden Bach-Klänge als Musik verwendet. Zu Hitlers Rede und den "arischen Menschen" am Schluss des Films wird die Musik triumphal und pompös. Man hört lauten Applaus. Als die Frauen gezeigt werden, wird die Musik weicher. Der Film sollte angeblich "dokumentarisch" sein. Es wurden Bilder aus einem polnischen Ghetto mit Trickaufnahmen kombiniert. (Verbreitung der Juden in die ganze Welt / das Handelsnetz der Rothschilds) Verwendet wurden auch Auszüge aus Filmen mit falsch übersetztem Untertitel (vom amerikanischen Film "House of Rothschild"). Hier wurden die Juden als Beherrscher der Geldwirtschaft dargestellt. Diese Kombination sollte besonders realistisch und glaubwürdig wirken.

Der Film beginnt in einem polnischen Ghetto in Warschau. Er zeigt jüdische Behausungen, in denen es vor Schmutz und Ungeziefer starrt. Die Ghettos in Polen waren von der SS konsequent an Eisenbahnstrecken angelegt worden. Wer hier nicht starb, sollte ohne Umstände in ein Vernichtungslager verschleppt werden können. Der erste Satz des Films lautet "Die zivilisierten Juden, welche wir aus Deutschland kennen, geben uns nur ein unvollkommenes Bild ihrer rassi-schen Eigenart. Dieser Film zeigt Originalaufnahmen aus den polnischen Ghettos, er zeigt uns Juden, wie sie in Wirklichkeit aussehen, bevor sie sich hinter der Maske des zivilisierten Europäers verstrecken." Das Ghetto wird als "Pestherd (...) der die Gesundheit der arischen Völker bedroht" dargestellt. Verschwiegen wurde aber, dass der NS-Staat für die Enge und den Schmutz in diesen Ghettos verantwortlich war. Die NS-Kameraleute nahmen alles auf: Hungernde, die auf der Straße bettelten oder kraftlos vor ihren Häusern lagen, Kinder ohne Lachen und ohne Spielzeug, von Ungeziefer und Krankheiten geplagt, mit alten Augen, die an Leid und Tod gewöhnt sind.

Der Zynismus des Films besteht darin, dass die Nazis Menschen wie Tiere in einen überfüllten Käfig sperrten (bis zu 13 Menschen in ein Zimmer) und diese Erniedrigung dann so darstellten, als sei sie eine für die Juden völlig normale und selbst gewollte Existenzform. Der Kommentar behauptet, die Armen im Ghetto seien nicht etwa arm. "Sie haben durch jahrzehntelanges Handeln genug Geld angehäuft, um sich und ihrer Familie ein sauberes und behagliches Heim schaffen zu können. Aber sie wohnen Generationen hindurch in denselben schmutzigen und verwanzten Wohnlöchern." Man wollte mit dieser Lügenpropaganda "Beweise" dafür schaffen, dass Juden keine Menschen wie du und ich sind.

Besonders menschenverachtend, aber wirkungsvoll für die Manipulation der Zuschauer ist der Vergleich von Juden mit Ratten. In geschickten Kombinationen von Dokumentarischem und Trickfilm werden Juden mit Ratten verglichen. Mit einer einprägsamen Montage wurden "Ratten" und "Juden, im Ghetto dicht aneinander gedrängt" miteinander verglichen. Die Verbreitung der Pest durch die Ratten wird mit der "Verbreitung der Juden in die ganze Welt" verglichen. Der Kommentar dazu lautet: "Sie (die Ratten) begleiten als Schmarotzer den Menschen von seinen Anfängen an, tragen Vernichtung ins Land und verbreiten Krankheiten. Sie sind hinterlistig, feige und grausam und treten meist in großen Scharen auf. Sie stellen unter den Tieren das Element der heimtückischen, unterirdischen Zerstörung dar. Nicht anders als die Juden unter den Menschen". Damit wird gesagt, dass man sich gegen diese Bedrohung "zur Wehr setzen muss". Direkter kann man nicht sagen, dass der Mord an den Juden kein Verbrechen, sondern eine Notwendigkeit war. Der Film sagt, dass Juden keine Menschen, sondern Ungeziefer seien. Indirekt ruft er also zum Völkermord an den Juden auf.

Die "jüdische Grausamkeit" wurde anhand blutiger Schächtszenen gezeigt. Diese Szenen wurden als zu stark und zu grausam für die Öffentlichkeit angesehen. Es gab auch eine Fassung ohne diese Szenen für Frauen und Kinder und für "empfindsame Gemüter". Schächten ist ein Ritual der strenggläubigen Juden, die aufgrund der strengen Ernährungsvorschriften kein Fleisch mit Blut verzehren dürfen. Im Film wurde der Schnitt durch den Hals von Schafen und Rindern - so dass das ganze Blut aus dem Körper läuft - besonders blutrünstig dargestellt. Dazu wurden lachende Juden gezeigt, wodurch man die Juden als Tierquäler darstellte. Am Anfang der Szene wurden friedliche Schafe und muhende Kühe auf einer Wiese gezeigt, so dass die Zuschauer besonderen Hass gegen "die Tierquäler" empfinden sollten.

So genannte "entartete Kunst" wurde in dem Film als jüdische Kunst bezeichnet. Als Bilder wurden besonders umstrittene Kunstwerke gezeigt und in den Gegensatz zum Kunstverständnis des "arischen Menschen" gebracht. Auch stellte man die Juden als Menschen mit perverser Sexualität uns sogar als Kindermörder dar.

Am Ende des Films werden dann die deutschen Menschen gezeigt, die sich gegen die "Bedrohung durch das jüdische Volk" wehren. Hitler wurde hier als derjenige dargstellt, der dem deutschen Volk mit seiner Rede "die Augen geöffnet hat".

"Der ewige Jude" ist ein Film voller Klischees. Die "jüdische Weltverschwörung" ist nur ein Beispiel dafür. Eine riesige Fülle von Vorurteilen und Lügen über Juden wird für die Zuschauer durch das Medium Film visuell greifbar. Der Film hämmert den Zuschauern Judenhass ein. Wer glaubt, dass Juden keine Menschen sind, sondern Teufel oder Ungeziefer, gehorcht, wenn er den Befehl zur Ausrottung bekommt.

"Der ewige Jude" verkündete offen, was bald furchtbare Realität werden sollte. Hitler prophezeite im Film in einer Rede die Vernichtung der rüdischen Rasse in Europa.

Möglicherweise ist dieser Film zusammen mit "Jud Süss" mitschuld daran, dass der Holocaust möglich war - die systematische Vernichtung der europäischen Juden. Er hat dazu beigetragen, dass viele Deutsche die Augen verschlossen, dass manch einer einen Grund fand, nicht zu helfen, vor dem Furchtbaren die Augen zu verschließen und es schweigend zu dulden oder sogar mitzumachen und etwas gegen die Juden zu unternehmen.

Die Filmindustrie darf niemals mehr in die Hände einer rassistischen und radikalen Regierung geraten, damit ein Film wie "Jud Süss" oder "Der ewige Jude" nie wieder möglich wird.

ę April 2000 Daniel Heintz

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Zuletzt geändert am 05.05.2009