Michelangelo Buonarroti

Epitaphien.


O fühlest du mit mir, der hier im Staube
Verschlossen ruht, der Welt entrückt, Erbarmen,
So spare deine Tränen für die Armen,
Die leben, wechselndem Geschick zum Raube.


Warum ergreifst du Tod nicht müde Greise,
Warum soll ich in meiner Blüte sterben?
"Weil das, was altert in der Welt Verderben,
Nicht aufschwebt und nicht weilt im Himmelskreise."


Nicht mordete mit hoher Jahre Waffen
Der Tod die Schönheit, die der Staub hier deckt,
Er nahm sie schnell, auf dass sie unbefleckt
Zum Himmel kehre, schön wie sie geschaffen.


Geboren war ich erst vor kurzer Frist,
Als man mich hier begrub; so schnell entführet
Der Tod mich, dass der freie Geist kaum spüret,
Wie sehr sein Zustand jetzt verwandelt ist.


Nicht gab der Himmel meiner Reize Fülle,
Die Vielen er zum Schmuck für mich entriss,
Durch meinen Tod zurück, da ich gewiss
Am jüngsten Tag mich kleid' in gleiche Hülle.


Man glaubt mich tot, der ich gelebt zum Frommen
Der Welt, im Busen tragend tausend Seelen,
Die mich geliebt; wie kann mir Leben fehlen,
Da eine Seele nur der Tod genommen?


O würden Fleisch und Blut für meine Knochen -
Dass ich aufs neue lebte - eure Tränen,
Dann wär' aus Mitleid hart, wer weint; sein Sehnen
Zwäng' mich zurück ins Joch, das ich zerbrochen.


Dass ich gelebt, weiss nur mein Leichenstein,
Und denkt ein Mensch an mich, dann dünkt's ihn gar
Wie Traum; so wirkt der Tod, dass das, was war,
Erscheint, als könnt' es nie gewesen sein.


Ich, Braccio von Geschlecht, sah, seit in Schmerzen
Zur Welt ich kam, nur kurze Zeit den Tag;
Nun bin ich hier, wo gern ich harren mag,
Leb' ich nur fort in meines Freundes Herzen.


War ich im Leben, der ich Staub jetzt bin,
Des Freundes Leben, muss nicht Tod allein,
Nein eifersücht'ge Qual dem Freund es sein,
Stirbt je vor ihm ein andrer für mich hin?


Der Bracci Sonne sank hinab ins Grab,
Mit ihr die Sonne der Natur. Nicht Waffen
Bedurft' der Tod, um ihn dahin zu raffen;
Ein Hauch schon bricht die Frühlingsblume ab.


Aus: Michelangelo Gedichte und Briefe, In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini, Berlin 1907, Übersetzung von Sophie Hasenclever (1824-1892)

Epitaph = Grabinschrift oder Gedenktafel mit Inschrift für einen Verstorbenen an einer Kirchenwand oder einem Pfeiler (Duden)


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Zuletzt geändert am 28.06.2015

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