Leonardo da Vinci

Der Brief an Herzog Ludovico il Moro

Leonardo reiste im Jahre 1482 als Kulturbotschafter der Signoria von Florenz nach Mailand, wo er sich mit einem Empfehlungsschreiben an Herzog Ludovico Sforza (1452-1508) wandte (der Herzog wurde wegen seiner dunklen Gesichtsfarbe »il Moro« - der Dunkle - genannt):

Entwurf einer Riesenarmbrust Studie einer Befestigungsanlage, um 1503

Monseigneur, überzeugt, dass die Vorspiegelungen von allen denen, welche sich Meister in der Kunst des Erfindens von Kriegsgerät nennen, in Wirklichkeit nichts Nützliches oder Neues geleistet wird, was nicht schon gewöhnlich ist, beeile ich mich gegenwärtig, ohne jemanden schaden zu wollen, Eurer Herrlichkeit meine Geheimnisse zu entschleiern und sie, wenn es Ihnen gefällt, zur Ausführung zu bringen; denn ich wage zu hoffen, dass alle Dinge, welche ich in diesem kurzen Brief einreiche, das verlangte Resultat erreichen.

1. Ich weiß zu konstruieren sehr leichte Brücken, welche man leicht von einem zum anderen Ort transportieren kann, und mit Hülfe welcher es oft möglich wird, den Feind zu verfolgen und ihn in die Flucht zu jagen. Dieselben sind sehr sicher und gegen Feuer geschützt, und widerstandsfähig im Wasser. Sie lassen sich leicht aufschlagen und abbrechen. Ich habe auch ein Mittel, die Brücken des Feindes zu zerstören und anzuzünden.

2. Ich habe ein Mittel gefunden, die Wasser bei einer Belagerung abzuleiten, Fallbrücken zu machen und eine Reihe Instrumente für solche Gelegenheit.

3. Wenn die Höhe der Mauern oder die Stärke der Position eines Platzes nicht erlaubt, in einer Belagerung mit den Kanonen zu nahen, habe ich ein Mittel gefunden, jeden Turm oder andere Befestigung, sobald sie nicht auf Felsen gebaut ist, zu ruinieren.

4. Ich verstehe auch eine Art Kanonen (bombarde) zu fabrizieren, sehr leicht und bequem zu transportieren, welche entflammte Stoffe schießt, um Schrecken unter die Feinde zu verbreiten mit Hülfe eines großen Rauches, ihnen Schaden zuzufügen und sie in Unordnung zu bringen.

5. Ferner eine Methode, ohne Lärm die unterirdischen Gänge zu graben, um in einen Graben oder ein Flussufer zu gelangen.

6. Kräftige Wagen, offen, defensiv und offensiv, mit Artillerie versehen, dringen in die Mitte der Feinde ein; keine Waffenmasse gibt es, sie zu brechen, und dicht dahinter kann Fußvolk folgen ohne Schaden und Hinderniss.

7. Ich kann auch Bombarden gießen, wenn es nötig ist, Mörser und Feldgeschütze in schöner und nützlicher Form und für den gewöhnlichen Gebrauch.

8. Dort, wo die Bombarden nicht angewendet werden können, fertige ich andere Geschütze (briccolè manghani, Arabucchi ed altri instrumenti) von wunderbarem Effekt und starkem Gebrauch. Je nach Erforderniss werde ich die Offensivwaffe bis ins Unendliche variieren.

9. Wenn das Geschick einer Seeschlacht droht, so habe ich eine Reihe Waffen und Instrumente für Angriff und Verteidigung in Bereitschaft; ebenso Schiffe, welche dem Feuer der größten Artillerie widerstehen (Panzerschiffe??) und Pulver und Feuerarten.

10. In Friedenszeiten wird es nützlich sein, zu allgemeinem Nutzen (benissimo a paragone di omni) Architektur zu pflegen, Gebäude für Private und die Öffentlichkeit, und die Wasser von Ort zu Ort zu führen.

Ich beschäftige mich auch mit Skulpturen in Marmor, in Bronze und in Erden; ebenso fertige ich Gemälde, alles was man will. Ich würde auch an einer Reiterstatue in Bronze arbeiten können, welche zum unsterblichen Ruhme und ewiger Ehre, also auch zur glücklichen Erinnerung Eurer Herrlichkeit Vaters und des fürstlichen Hauses Sforza errichtet werden soll.

Wenn einige dieser Sachen, von denen ich geredet habe, unmöglich und unausführbar erscheinen sollten, so biete ich mich an, sie auszuführen in Eurem Park oder an einem Ort, wo Ew. Exzelenz will, - womit ich ergebenst mich so viel als möglich empfehle.

Signatur Leonardos

Quelle: Codex Atlanticus, aus: Dr. Hermann Grothe - Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph, Berlin, Nicolaische Verlags-Buchhandlung (Stricker) 1874, Seiten 63-65

Zuletzt geändert am 03.05.2009

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