Judentum - Jiddisch

Kippa
Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung der jüdischen Männer

Gedanken rund ums Jiddische

von Mathias Bäumel

Eine jüdische Familie in Rußland rüstet sich zur Ausreise nach Israel. Die große Schwester fragt ihre Mutter: "Mama, warum bringst du dem kleinen Abraham noch Jiddisch bei? In Israel spricht man doch Hebräisch." Die Mutter antwortet: "Er soll in jenem Land nicht vergessen, daß er ein Jude ist."

Dieser kleine Dialog verdeutlicht, wie sehr das Jiddische nicht nur von Nichtjuden, sondern vor allem von den Juden in Europa und auch in den USA als besonders wichtig zur Kennzeichnung des Jüdischseins empfunden wird.

Obwohl das Leben der sogenannten Ostjuden (aschkenasische Juden) in Erzählungen und Romanen jüdischer Autoren in deutscher, polnischer, russischer oder englischer Sprache beschrieben wurde, gilt dennoch mit Recht das Jiddische als "Muttersprache" der in Osteuropa lebenden Juden.

Daß das Jiddische keine homogene Sprache ist, sondern als heterogenes Sprachgebilde mit vielen regional differenzierten Dialekten existiert, wird schnell klar, wenn man die verschiedenen Entwicklungsstationen vom sogenannten Jüdischdeutschen zum Jiddischen bedenkt.

Die Anfänge dürften im 13. und 14. Jahrhundert liegen, als Juden, die teilweise schon ab dem 10. Jahrhundert in Deutschland seßhaft waren, aber auch solche aus Spanien, von wo sie vertrieben worden waren, diskontinuierlich nach Osteuropa in den litauisch-polnischen Großraum einwanderten. Sie brachten ein Sprachgemisch mit, in dem Hebräisch, Spanisch, Deutsch, schließlich das von den damaligen vor allem im Rheinland wohnenden Juden gesprochene Jüdischdeutsch enthalten war und das während der Migration slawische (polnische und russische) Elemente aufnahm. Besonders das damalige Deutsch des 9. und 10. Jahrhunderts hat die Sprache der in Worms, Speyer, Mainz, Köln und in anderen Städten wohnenden Juden geprägt.

So ist nicht verwunderlich, wenn auch das Jiddisch des 20. Jahrhunderts zum deutschsprachigen Kulturkreis gezählt wird. Bei näherem Hinsehen werden aber auch hebräische Einflüsse, die sich durch die jüdische Kultur bis ins heutige Deutsch erhalten haben, sichtbar. "Da hat er aber Massel gehabt" , sagt man, wenn man verdeutlichen will, daß jemand (gerade noch) Glück gehabt hat. Aber man spricht auch davon, daß man etwas vermasselt (also eine Chance verdorben, vergeben) hat. Der Wortstamm kommt aus dem sephardischen Hebräisch: mazal heißt "Schicksal", in der aschkenasischen Aussprache mazel. Und wer würde nicht den großspurigen Spruch "Ohne Moos nix los" kennen? Ma-ót heißt im sephardischen Hebräisch "Geld" - hier wie auch bei anderen Konstellationen wird die hebräische Herkunft durch gleichklingende deutsche Wörter verdunkelt. So hat das Wort "betucht" nichts mit Textilien zu tun, denn es stammt vom hebräischen batuach ("zuverlässig"). Auch die Juden selber erlagen gelegentlich den Verlockungen falscher etymologischer Zuordnungen. So hat das jiddische Wort iberjohr (Schaltjahr) auf direktem Wege nichts mit "über" (-schüssig) zu tun, sondern geht auf die hebräische Wurzel abar (überschüssig sein) zurück. Bestimmte gemischt zusammengesetzte Worte im heutigen Sprachgebrauch verdeutlichen hebräische und gleichermaßen deutsche Wurzeln. "Miesepeter" (mi´us ist "geringwertig") oder "Schlamassel" ("schlimm" plus mazal, d. h. schlimmes Schicksal) sind dafür Beispiele.

Im Jiddischen sind - entsprechend der Lebensumgebung der osteuropäischen Juden - natürlich viele slawische Einflüsse zu spüren. Als erstaunlich gilt dabei die Tatsache, daß in der jiddischen Umgangssprache die hebräisch versetzte deutsche "Basiskomponente" beibehalten wurde und kein eigenes jüdisch-slawisches Idiom entstand. "Wos chòlemt sich der Hon? Pròse" ist ein jiddisches Sprichwort, das russische und hebräische Einflüsse auf der Basis des Deutschen zeigt. "Was erträumt sich der Hahn? Hirse." Dabei ist pròso russisch "Hirse", chalàm ist hebräisch "träumen", die reflexive Konstruktion "chòlemt sich" verrät deutsche und russische Einflüsse (das angehängte "t" ist deutsch konstruiert, die reflexive Struktur russisch). Eine Mischform ist auch älterzeide (Urgroßvater), vom polnischen dziad (Großvater). Die slawische Endung "-ka" zur Kennzeichnung einer weiblichen Person findet sich in vielen jiddischen Wörtern wieder: schusterke , die Frau eines Schusters, eine deutsch-slawische Wortbildung. Das gibt es auch für hebräisch-slawische Verbindungen: melamedke , die Frau eines Lehrers (melámed ist hebräisch "Lehrer").

Jiddisch ist also nicht nur ein Konglomerat verschiedener Sprachelemente, die im Laufe der Geschichte von den migrierenden Juden aufgenommen wurden, sondern selbst auch Sprachmedium, durch das hebräische Elemente ins Umgangsdeutsch Eingang fanden.

Bedeutende jiddische Autoren:

Mendele Mocher Sforim
(Schalom Jakob Abramowitsch)
(20.12.1835-08.12.1917)
Schöpfer der satirischen Erzählung in jiddischer Sprache und der Vater der modernen hebräischen Literatur.
Werke: »Das kleine Menschele« (1864), »Die Klatsche« (1873), »Fischke der Krummer« (1869)
Schalom Aleichum
(02.03.1859-13.05.1916)
Begründer der humoristischen Erzählung in jiddischer Sprache.
Werke: »Menachem Mendel« (1892-1913), »Tewje, der milchiger - Tewje, der Milchmann« (1894), »Motl pejssi dem chassans - Motl, der Kantorssohn« (1920)
Schalom Asch
(01.01.1880-10.07.1957)
Werke: »Dos Schtetl - Das Städtchen« (1904), »Motkeganef - Mottke, der Dieb« (1916), »Farn mabl - Vor der Sintflut« (1929-31)
Isaak Leib Perez
(Itzhok Lejb)
(18.05.1851-03.04.1915)
Werke: »Bilder fun a Provints-Rayze - Bilder einer Reise in die Provinz« (1891), »Folkstimlikhe Geshikhten - Volkstümliche Geschichten« (1916), »Khasidisch - Chassidische Erzählungen« (1917)
Isaac Bashevis Singer
(14.07.1904-14.07.1991)
Werke: »Die Familie Moschkat« (1950), »Gimpel, der Narr« (1957), »Die Gefilde des Himmels« (1980)

Textbeitrag: Mathias Bäumel, mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle der Technischen Universität Dresden
Foto: Ben Eden, veröffentlicht mit seiner freundlichen Genehmigung

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Zuletzt geändert am 09.07.2015

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