Judentum - Humor

LIFEBOOK - 16 of the oldest Czech Jews and their life stories
Sarlota Veselá, geboren am 10. November 1920
Ihre Geschichte gibt es hier

Warum nicht eine Gegenfrage?

von Karsten Eckold

Wer lacht nicht gern über einen guten Witz? Einen richtig guten. So einen, bei dem es nach dem Erzählen einen Augenblick ganz still ist, bevor sich alle vor Lachen ausschütten. Wer diesen Knalleffekt mit Verzögerungszeit mag, dem sei der jüdische Humor wärmstens empfohlen. Insbesondere aus dem Alltag der osteuropäischen Juden sind etliche intelligente wie hintergründige Witze überliefert. Etwa so einer: "Warum antwortet Ihr Juden auf eine Frage immer mit einer Gegenfrage?" "Warum soll ein Jude nicht auf eine Frage mit einer Gegenfrage antworten?"

Viele jüdische Witze, Anekdoten und Sprüche entstammen dem 19. und 20. Jahrhundert. Besonders ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten die sich bis dahin rechtlosen Juden mehr und mehr in die jeweiligen Gesellschaftsordnungen integrieren - in Westeuropa schneller als in den mittel-, und osteuropäischen Ländern. Zahlreiche Witze spiegelten die geistige Auseinandersetzung der Juden mit ihrer Umwelt oder dem eigenen Glauben wider. Gerade die jüdische Religion mit zahlreichen Vorschriften und strengen Ritualen, beispielsweise der Beschneidung als Bestandteil des jüdischen Taufrituals, wurde nun gern aufs Korn genommen: Im Schaufenster liegt eine Uhr. Ein Kunde betritt das Geschäft und fragt den Ladenbesitzer, einen bärtigen Juden, nach dem Preis. "Ich verkauf´ keine Uhren", erklärt der Jude. "Ja, aber im Schaufenster liegt doch eine Uhr!" "Gewiß. Das ist so: ich bin Beschneider der Kultusgemeinde. Was, glaubt der Herr, soll ich denn ins Schaufenster hängen?"

Für fromme Juden waren tägliche Gebete und das strikte Einhalten der Sabbatruhe selbstverständlich. Sabbat beginnt am Freitagabend mit dem Anbruch der Dunkelheit und dauert bis Sonnabendabend. In dieser Zeit darf nicht gearbeitet werden, man darf nicht reisen, kein Feuer anzünden und demzufolge auch nicht rauchen.

Auch um das bekannte Verbot, Schweinefleisch zu essen, ranken sich etliche Witze: Kohn im Restaurant: "Ober, geben Sie mir von dem Fisch." "Verzeihung, mein Herr, das ist Schinken." "Hab´ ich gefragt, wie er heißt, der Fisch?"

Im Mittelpunkt jeder jüdischen Gemeinde stand der Rabbi. Er legte als Talmudgelehrter die religiösen Schriften aus und wachte darüber, daß die religiösen Vorschriften eingehalten wurden. Außerdem entschied er Rechtsstreitigkeiten und gab Rat in alltäglichen Fragen. So auch jene, als der Rabbi gefragt wird, ob einer die Schwester seiner Witwe heiraten dürfe. "Dürfen darf er schon, aber können wird er nicht", antwortet der Rabbi. Gestaunt hat der Rabbi sicher über jene Frau, die zu ihm kam und sich scheiden lassen wollte. "Was habt Ihr für Gründe?" Darauf die Frau: "Ich habe den Verdacht, der letzte Sohn ist nicht von ihm."

Beliebtes Thema vieler Witze war das Schnorren. Hierbei handelte es sich weniger um Betteln, sondern mehr um eine soziale Auslegung des Mildtätigkeitsgebotes. Dieses besagt, daß jeder Jude im Jenseits an seinen irdischen Taten gemessen wird. Demzufolge sei alle Habe mit Bedürftigen zu teilen. Die Schnorrer leiteten daraus gern einen Anspruch ab... Ein Schnorrer hat von einem reichen Glaubensgenossen die Zusage, daß er sich jeden Monat bei ihm einen Gulden abholen dürfte. Als er wieder einmal wegen des Guldens kommt, ist der Hausherr nach Karlsbad verreist. "Was", beschwert sich der Schnorrer, "auf meine Kosten fährt er ins Bad?!"

Was zeichnet den jüdischen Humor aus? Nur selten wird einfach das Lachhafte, late-night-showhafte bedient. Vielmehr wird sich meist tiefgründig und auch selbstkritisch mit den Widrigkeiten des Lebens auseinandergesetzt. Oft blieb den Juden ohnehin nur neben ihrer Religion der Witz gegen die Verzweiflung. Gern wird mit Worten gespielt und mit hintersinniger Schlauheit versucht, den Alltag zu meistern. "Kannst Du mir ein paar Mark borgen?" "Ich habe gerade nichts bei mir." "Und zu Hause?" "Danke, zu Hause sind alle gesund." Oder:"Gestern war Mendel bei mir. Er wollte mich verprügeln." "Woher weißt Du, daß er das wollte?" "Nu... hätte er nicht gewollt, hätte er´s ja nicht getan."

Selbst im schwarzen nationalsozialistischen Kapitel deutscher Geschichte versiegte der Quell jüdischen Humors nicht, wenngleich die faschistische Propaganda dessen selbstkritisches Element gegen die Juden mißbrauchte. Die jüdischen Witze dieser Zeit erinnern eher an Galgenhumor: Ein Schweizer besucht einen jüdischen Freund: "Wie geht es Dir unter den Nazis?" Darauf der Freund: "Wie einem Bandwurm: Ich schlängle mich durch die braunen Massen und warte, daß ich abgeführt werde."

Was bleibt, sind verschiedene Sammlungen jüdischer Witze, etwa "Jüdische Witze" von Salcia Landmann (1. Auflage 1963) oder Jutta Jankes "Von armen Schnorrern und weisen Rabbis" (1. Auflage 1981), aus denen die meisten der hier erzählten stammen.

Noch´n Witz? Wenn man einem russischen Bauern einen Witz erzählt, lacht er dreimal: das erstemal, wenn er den Witz hört, das zweitemal, wenn man ihm den Witz erklärt, und das drittemal, wenn er ihn verstanden hat. Erzählt man einem Gutsbesitzer einen Witz, lacht er zweimal: das erstemal, wenn er den Witz hört, und das zweitemal, wenn er ihn erklärt bekommt. Kapieren wird er ihn nie. Ein Offizier lacht nur einmal: wenn man ihm den Witz erzählt, denn erklären läßt er sich prinzipiell nichts, und verstehen wird er ihn sowieso nicht. Erzählt man einem Juden einen Witz, sagt er: "Den kenn ich schon" und erzählt einem einen besseren.

Textbeitrag: Karsten Eckold, mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle der Technischen Universität Dresden
Foto: Ben Eden, veröffentlicht mit seiner freundlichen Genehmigung

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Zuletzt geändert am 29.01.2011

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