Friedrich Wilhelm Nietzsche - Biografie

  • geboren: 15.10.1844 (Röcken bei Lützen/Sachsen)
  • gestorben: 25.08.1900 (Weimar)

Philosoph, Dichter, einer der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Denker des 19. Jahrhunderts, beeinflusst von Arthur Schopenhauer, Immanuel Kant und Richard Wagner. Er wandte sich gegen alle bestehenden Ideale, Werte, Moral- und Glaubensvorstellungen ('Sklavenmoral') und propagierte die Lehre vom Übermenschen ('Herrenmoral') und von der Ewigen Wiederkehr. Beeinflusste Geistesgeschichte und Politik nachhaltig.

Der Sohn eines Pfarrers studierte Theologie und Klassische Philologie in Bonn und Leipzig, wo er 1868 Richard Wagner kennenlernte (von dem er sich aber um 1876 abwandte). 1869 ging er als Professor an die Universität Basel. Im Sommer 1870 nahm er als freiwilliger Krankenpfleger am Deutsch-Französischen Krieg teil und erkrankte selbst schwer. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes musste er sein Lehramt in Basel 1879 aufgeben. Es folgten Reisen und Aufenthalte nach/in Venedig, Genua, Sils-Maria, Sizilien, Rapallo, Mentone und Nizza. 1888 zog er nach Turin. Im Januar 1889 kam es zum geistigen Zusammenbruch. Seine Mutter pflegte ihn bis zu ihrem Tod (1897), danach übersiedelte seine Schwester mit ihm nach Weimar. Nietzsche starb in geistiger Umnachtung.

Friedrich Wilhelm Nietzsche
Friedrich Wilhelm Nietzsche, Quelle: »Das 19. Jahrhundert in Wort und Bild«, Deutsches Verlagshaus Bong & Co., 1900.

Meinung:

»Nietzsche: nicht nur Philosoph, sondern auch hervorragender Schriftsteller. Seine oft sarkastischen, hochkomprimierten Formulierungen wurden Grundstein aphoristischen Schreibens und sind aus keinem Zitatenbuch mehr wegzudenken. Seine posthume Vereinnahmung durch Übermenschen-verherrlichende Parteien älteren und neueren Datums geschieht in aller Regel ohne jede wirkliche Kenntnis seines zutiefst zweiflerischen Bemühens um Erkenntnis.«
FRIZZtext

Werke:

  • 'Menschliches, Allzumenschliches' (1878-1879)
  • 'Morgenröte' (1882)
  • 'Die fröhliche Wissenschaft' (1882)
  • 'Also sprach Zarathustra' (1883-1885)
  • 'Jenseits von Gut und Böse' (1886)
  • 'Genealogie der Moral' (1887)
  • 'Der Fall Wagner' (1888)
  • 'Die Götzendämmerung' (1888)
  • 'Der Antichrist, Ecce Homo' (1888)
  • 'Nietzsche contra Wagner' (1888)

Zitate:

»Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch - ein Seil über einem Abgrunde.«

»Im Beifall ist immer eine Art Lärm: selbst in dem Beifall, den wir uns selber zollen.«

»Ein Bündnis ist fester, wenn die Verbündeten aneinander glauben, als wenn sie voneinander wissen.«

»Es kommt in der Wirklichkeit nichts vor, was der Logik streng entspräche.«

»Jedermann hat gerade so viel Eitelkeit, als es ihm an Verstand fehlt.«

»Tradition ist die Behauptung, dass das Gesetz bereits seit uralten Zeiten bestanden habe.«

»Wer viel Freude hat, muss ein guter Mensch sein: aber vielleicht ist er nicht der Klügste, obwohl er gerade das erreicht, was der Klügste mit all seiner Klugheit erstrebt.«

»Der Krieg ist ein Winterschlaf der Kultur.«

»Wir Heimatlosen, wir sind der Rasse und Abkunft nach zu vielfach gemischt, als 'moderne Menschen', und folglich wenig versucht, an jener verlogenen Rassen-Selbstbewunderung und Unzucht teilzunehmen, welche sich heute in Deutschland als Zeichen deutscher Gesinnung zur Schau trägt [...] Wir sind, mit einem Wort - und es soll unser Ehrenwort sein! - gute Europäer«
Aus: 'Die fröhliche Wissenschaft', 1882/1887

»Seht euch vor, ihr Philosophen und Freunde der Erkenntnis, und hütet euch vor dem Martyrium! Vor dem Leiden 'um der Wahrheit willen'! Selbst vor der eignen Verteidigung! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und feine Neutralität, es macht euch halsstarrig gegen Einwände und rote Tücher, es verdummt, vertiert, verstiert, wenn ihr im Kampfe mit Gefahr, Verlästerung, Verdächtigung, Ausstoßung und noch gröberen Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Verteidiger der Wahrheit auf Erden ausspielen müsst - als ob 'die Wahrheit' eine so harmlose und täppische Person wäre, dass sie Verteidiger nötig hätte! und gerade euch, ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine Herrn Eckensteher und Spinneweber des Geistes! Zuletzt wisst ihr gut genug, dass nichts daran liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls dass bisher noch kein Philosoph Recht behalten hat, und dass eine preiswürdigere Wahrhaftigkeit in jedem kleinen Fragezeichen liegen dürfte, welches ihr hinter eure Leibworte und Lieblingslehren (und gelegentlich hinter euch selbst) setzt, als in allen feierlichen Gebärden und Trümpfen vor Anklägern und Gerichtshöfen!«
Aus: Jenseits von Gut und Böse

»Was es mit unserer Heiterkeit auf sich hat. - Das grösste neuere Ereigniss, - dass "Gott todt ist", dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist - beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu werfen. Für die Wenigen wenigstens, deren Augen, deren Argwohn in den Augen stark und fein genug für dies Schauspiel ist, scheint eben irgend eine Sonne untergegangen, irgend ein altes tiefes Vertrauen in Zweifel umgedreht: ihnen muss unsre alte Welt täglich abendlicher, misstrauischer, fremder, "älter" scheinen. In der Hauptsache aber darf man sagen: das Ereigniss selbst ist viel zu gross, zu fern, zu abseits vom Fassungsvermögen Vieler, als dass auch nur seine Kunde schon angelangt heissen dürfte; geschweige denn, dass Viele bereits wüssten, was eigentlich sich damit begeben hat - und was Alles, nachdem dieser Glaube untergraben ist, nunmehr einfallen muss, weil es auf ihm gebaut, an ihn gelehnt, in ihn hineingewachsen war: zum Beispiel unsre ganze europäische Moral. Diese lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz, die nun bevorsteht: wer erriethe heute schon genug davon, um den Lehrer und Vorausverkünder dieser ungeheuren Logik von Schrecken abgeben zu müssen, den Propheten einer Verdüsterung und Sonnenfinsterniss, deren Gleichen es wahrscheinlich noch nicht auf Erden gegeben hat? ... Selbst wir geborenen Räthselrather, die wir gleichsam auf den Bergen warten, zwischen Heute und Morgen hingestellt und in den Widerspruch zwischen Heute und Morgen hineingespannt, wir Erstlinge und Frühgeburten des kommenden Jahrhunderts, denen eigentlich die Schatten, welche Europa alsbald einwickeln müssen, jetzt schon zu Gesicht gekommen sein sollten: woran liegt es doch, dass selbst wir ohne rechte Theilnahme für diese Verdüsterung, vor Allem ohne Sorge und Furcht für uns ihrem Heraufkommen entgegensehn? Stehen wir vielleicht zu sehr noch unter den nächsten Folgen dieses Ereignisses - und diese nächsten Folgen, seine Folgen für uns sind, umgekehrt als man vielleicht erwarten könnte, durchaus nicht traurig und verdüsternd, vielmehr wie eine neue schwer zu beschreibende Art von Licht, Glück, Erleichterung, Erheiterung, Ermuthigung, Morgenröthe... In der That, wir Philosophen und "freien Geister" fühlen uns bei der Nachricht, dass der "alte Gott todt" ist, wie von einer neuen Morgenröthe angestrahlt; unser Herz strömt dabei über von Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung, - endlich erscheint uns der Horizont wieder frei, gesetzt selbst, dass er nicht hell ist, endlich dürfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagniss des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so "offnes Meer".«
Aus: 'Die fröhliche Wissenschaft', 1882/1887

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Zuletzt geändert am 03.05.2009

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