Henri Dunant - Biografie

  • Geburtsname: Jean-Henri Dunant
  • andere Schreibweise: Henry Dunant
  • geboren: 08.05.1828 (Genf)
  • gestorben: 30.10.1910 (Heiden)

schweizerischer Schriftsteller, Philanthrop (Menschenfreund), Gründer des Roten Kreuzes, Urheber der Genfer Konventionen.

Dunant arbeitete als Bankangestellter, bis ihn sein Beruf nach Nordafrika führte, das damals von französischen Truppen besetzt war. Dort gründete er 1858 eine Getreidemühlen-Aktiengesellschaft. In seinem Buch »La Régence de Tunis«, (1858) verurteilte er die Praktiken des Sklavenhandels. 1859 reiste Henri Dunant geschäftlich in die Lombardei. Zu dem geplanten Treffen mit Kaiser Napoleon III. kam es nicht. Statt dessen wurde Dunant Augenzeuge der schrecklichen Zustände nach der Schlacht von Solferino (Juni 1859), der blutigsten Schlacht des 19. Jahrhunderts, und des völligen Versagens der Verwundeten- und Gefangenenfürsorge. Er organisierte eine Hilfsaktion die sowohl »Freunden« als auch »Feinden« half.

In seinem Buch »Erinnerung an Solferino« (1862) rief er zur Gründung unparteiischer Hilfsorganisationen auf. 1863 organisierte er in Genf zusammen mit Gustave Moynier, General Henri Dufour, Théodore Maunoir und Louis Appia einen internationalen Kongreß, dessen Beschlüsse zur Gründung des Roten Kreuzes, und am 22. August 1864 zur Genfer Konvention »zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der im Felde stehenden Heere« führten.

Henri Dunant (1828-1910)
Henri Dunant (1828-1910), Quelle: Prints & Photographs Online Catalog

1867 wurde er - nach dem Bankrott seiner algerischen Firmen - vom Genfer Handelsgericht als Betrüger hingestellt und sogar aus dem Roten Kreuz ausgeschlossen. Er verließ Genf, versuchte (erfolglos) sich im Ausland für Verwundete und Kriegsgefangene einzusetzen und lebte in den nächsten 30 Jahren fast völlig mittellos. Ab 1887 lebte er wieder in der Schweiz (ab 1893 im Bezirksspital von Heiden).
1901 wurde er mit dem ersten Friedens-Nobelpreis geehrt.

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Der Kampf um Magenta
Der Kampf um Magenta am 4. Juni 1859, nach dem Gemälde von Adolphe Yvon (1817-1893)

Die Schlacht bei Solferino

Während der Schlacht bei Solferino am 24.Juni 1859 starben 30.000 Soldaten, mehrere Tausend wurden verwundet. Der Augenzeuge Henri Dunant beschrieb in seinen »Erinnerungen an Solferino« den Schrecken dieses sinnlosen Gemetzels:

»[...]
Geschlossene Kolonnen drängen gegeneinander mit dem Ungestüm zerstörender Wildbäche, die alles vernichten, was ihnen im Wege steht. Französische Regimenter greifen in Schützenlinien die österreichischen Massen an, die immer neue Verstärkungen erhalten, immer zahlreicher werden und die, Mauern aus Erz gleich, dem vorstürmenden Gegner Widerstand leisten.

Es ist ein Kampf Mann gegen Mann, ein entsetzlicher, schrecklicher Kampf. Österreicher und alliierte Soldaten treten sich gegenseitig unter die Füße, machen einander mit Kolbenschlägen nieder, zerschmettern dem Gegner den Schädel, schlitzen einer dem anderen mit Säbel und Bajonett den Bauch auf. Es gibt kein Pardon. Es ist ein allgemeines Schlachten, ein Kampf wilder, wütender, blutdürstiger Tiere. Selbst die Verwundeten verteidigen sich bis zum letzten Augenblick. Wer keine Waffen hat, packt den Gegner und zerreißt ihm die Gurgel mit den Zähnen.

An anderer Stelle wütet ein ähnlicher Kampf. Er wird noch schrecklicher durch das Nahen einer Reiterschwadron, die im Galopp anstürmt. Die Pferde zertreten mit ihren beschlagenen Hufen Tote und Verwundete. Einem armen Blessierten wird die Kinnlade fortgerissen, einem anderen der Kopf eingeschlagen, einem dritten, den man hätte retten können, die Brust eingedrückt. In das Wiehern der Pferde mischen sich Verwünschungen, Wutschreie, Schmerz- und Verzweiflungsrufe. Den Reitern folgt im gestrecktem Lauf bespannte Artillerie. Sie bahnt sich ihren Weg über Tote und Verwundete, die auf dem Boden liegen. Gehirn spritzt aus den zerplatzenden Köpfen, Glieder werden gebrochen und zermalmt. Körper werden zu formlosen Massen. Die Erde wird buchstäblich mit Blut getränkt. Und die Ebene ist übersäht mit unkenntlichen Resten von Menschen...

An anderer Stelle liegen Unglückliche, die von Kugeln oder Granatsplittern getroffen und zu Boden gestreckt sind, denen aber darüber hinaus noch durch die Räder der Geschütze, die über sie hinwegfuhren, Arme und Beine zermalmt wurden. Der Anprall der zylindrischen Kugeln zerschmettern die Knochen vollständig, so dass eine Verwundung immer sehr schwer ist.

[...]
Um die Toten zu beerdigen und ihre Namen festzustellen, werden bei der französischen Armee eine Anzahl Leute in jeder Kompanie ausgeschieden. Im allgemeinen ist es so, dass die Mannschaften eines jeden Korps ihre eigenen Waffengefährten betreuen. Sie stellen nach der Auffindung die Erkennungsnummer des Getöteten fest und legen dann mit Hilfe dafür bezahlter lombardischer Bauern den Leichnam in voller Uniform in ein Massengrab. Leider muss man annehmen, dass einige Bauern aus Achtlosigkeit oder grober Nachlässigkeit mehr als einen Lebenden mit den Toten beerdigt haben.«

Quelle: 2000 Jahre, Eine Chronik, Verlag Naumann & Göbel, Seite 314/315

In der Stille der Nacht hört man Stöhnen, erstickte Angst- und Schmerzensschreie, herzzerreißende Hilferufe. Wer könnte jemals die Tödeskämpfe dieser schrecklichen Nacht beschreiben. Die Sonne des 25. Juni beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken lässt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote und die Umgebung von Solferino ist im wahrsten Sinne des Wortes mit Leichen übersäht. Die Felder sind verwüstet, Getreide und Mais sind niedergetreten, die Hecken zerstört, die Zäune niedergerissen, weithin trifft man überall auf Blutlachen...

Die unglücklichen Verwundeten, die man tagsüber aufsammelt, sind bleich, fahl und verstört. Einige, und besonders diejenigen, die stark verstümmelt sind, sehen stier vor sich hin ud scheinen nicht zu begreifen, was man zu ihnen sagt. Sie blicken ihre Retter mit leeren Augen an, aber diese scheinbare Gefühllosigkeit hindert sie nicht, die Schmerzen ihrer Wunden zu empfinden. Andere sind unruhig, ihre Nerven sind völlig erschüttert. Sie zucken krampfhaft zusammen.

Die, deren offene Wunden sich bereits entzündet haben, sind wie von Sinnen vor Schmerzen. Sie verlangen, dass man sie umbringt, sie winden sich mit verzerrten Gesichtern in den letzten Zügen des Todeskampfes. An anderen Stellen liegen Unglückliche, die von Kugeln oder Granatsplittern getroffen und zu Boden gestreckt sind, denen aber darüber hinaus noch durch die Räder der Geschütze, die über sie hinwegfuhren, Arme und Beine zermalmt wurden...

Splitter aller Art, Knochenstücke, Fetzen von Kleidern, Schuhen, Ausrüstungsstücken, Erde, Bleiteilchen, alles reizt die Wunden der Leidenden, macht die Heilung komplizierter und verdoppelt die Qualen. Wer diesen weiten Schauplatz der Kämpfe ... durchwandert, trifft bei jedem Schritt und inmitten einer Verwirrung ohnegleichen, unausprechliche Verzweiflung und entsetzliches Elend.

Quelle: Medica. Geschichte der Medizin, Bertelsmann Lexikon Verlag, 2000, Seite 178

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Zuletzt geändert am 05.05.2009

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