Albrecht Dürer - Gedichte

- Von bösen und guten Freunden -

Das habe ich gemacht von bösen und guten Freunden:

Wer in der Noth vom Freunde weicht,
Und seinen Freund entbehret leicht;
Wer nicht im Herzen dessen liest,
Der ein recht treuer Freund ihm ist,
Und wer allzeit Recht haben möcht',
Des Freundes Wohl besorget schlecht;
Mit jedermann im Streite steht
Und wie gehörnt stets d'rauf losgeht:
Der ist ein eigenmächtiger Mann,
Dem niemand besteh'n und Recht thun kann.
Denn wer begehrt stets krumme Rücken,
Und dass man sich vor ihm soll bücken:
Solch einen ist es besser zu meiden,
Als nur Betrübniss von ihm leiden.

Denn wer ein guter Freund dir ist,
Der übt an dir nie arge List,
Dass er dir nichts zum Uebel kehrt,
Doch Böses allzeit dir abwehrt;
Dich nimmer auch verlässt in Noth,
Einsteht für dich wenn Gefahr dir droht;
Der jederzeit auch Mitleid trägt,
Wenn du von Trauer bist bewegt,
Und nie geringer achtet dich,
Als selbst er pflegt zu schätzen sich.
Solch einen Freund halt hoch in Ehren,
Lass dich durch nichts von ihm abkehren.
Und keinen Freund sollst merken lassen,
Du woll'st dich nimmer mit ihm befassen.

 

- Sinnsprüche -

Ein jeder kehr vor seinem Thor
Er find't ja Mist genug davor.

Meint mancher er kenn' jedermann,
Der sich doch selbst nicht kennen kann.

Wer seiner Zung' nicht Meister ist,
Der red't verkehrt zu jeder Frist.

Wer sich bedünkt er könn' recht viel,
Der schiesst gar nah' an's Narrenziel.

Darnach machte ich zwei Reime deshalb, weil mich einer sehr betrübte, dem ich treu war und zu dem ich mich vieles Guten versah:

Den Freund kannst wohl mit Ehren meiden,
Von dem du immer nur musst leiden.

 

- Von Lebensweisheit -

Wer da will klug und weise werden,
Der bitte Gott darum auf Erden:

Wer nicht von meiner Lehre weicht,
Dem wird Gemüth und Herze leicht,
Er lebt in stetem Frieden dann
Mit sich selbst und mit jedermann.
Gieb niemand preis deine Heimlichkeit,
Dass dir's nicht bringe Reu' und Leid;
Denn also findet man's geschrieben:
Gar wenig Menschen sind treu geblieben.
Des Menschen Sinn ist wandelbar,
Nimm meinen Rath zum Frieden wahr!
All' böse Nachred' vermeid' mit Fleiss,
Dass du dafür erwerbest Preis.
Verwehre es auch andern Leuten,
Dem Nächsten alles schlecht zu deuten.
Das löst des Herzens Bitterkeit,
Vertreibt dir allen Hass und Neid,
Und wird zugleich die Hörer lehren,
Dass sie dein' Sach' in's Gute kehren,
Massvoller Rede befleisse dich,
Fahr' nicht die Leut' an freventlich.
Sag' nichts bloss dem Bedünken nach,
Sprich auch nicht unbesonnen, jach,
Dass niemand dadurch beleidigt werde.
Befleisse dich einer sanften Geberde,
Sag' deine Meinung g'rad und schlicht,
Bleib' bei der Wahrheit, lüge nicht,
Und zeige nimmer dich aus List
Anders, als dir um's Herze ist;
Betrügst sonst nur dich selbst und Gott,
Und vor den Menschen wirst du zum Spott.
Verurtheile niemanden schnell In seinem Thun,
nicht unterstell' Ihm Rachegedanken, Zorn und Hohn,
Und denk', ich thu' leicht morgen schon machen,
Leide, gedulde dich kurze Zeit,
Bis etwa And're für dich bereit
Zur Antwort, oder es sich kläre,
Damit gewinnst du grosse Ehre,
Mehr, als wenn du dir Mühe machtest,
Es feindlich auszukämpfen trachtest.
D'rum, wenn die Leute sich entzweien,
Häng' dich an keine der Parteien;
Und kannst du nicht Vermittlung rinden,
So bleibe du nur ganz weit hinten
Und hüte dich vor solchem Wust,
Dass du nicht 's Bad austrinken musst.
Du sollst auch üb'rall Mitleid tragen,
Wo Menschen ihren Kummer klagen.
Lieb' immer nur Gerechtigkeit,
Geschieht sie nicht, das sei dir Leid;
Doch lass' dir nichts so nahe geh'n,
Dass dir selbst Qualen d'raus entsteh'n.
Weichst du nicht ab von dem Bescheid,
So beuget dich kein Herzeleid;
Denn willst du dich nur redlich wehren,
So kann kein Ding dein Herz versehren.

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Quelle: Dürers Briefe Tagebücher und Reime, S. 151-157,
Wilhelm Braumüller, K.K. Hof- und Universitatsbuchhändler, Wien 1872

Zuletzt geändert am 27.07.2015

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