Artikel aus dem Neuen Pester Lloyd

Hinter dem Hügel ist Ungarn zu Ende

Eine Million ungarische Bauern leistet täglich Knochenarbeit

von Katja Krackau

Vier Autostunden von Budapest entfernt, nach einer Fahrt Richtung Südosten durch die tellerplatte Puszta, steht am Ende der Sandstraße in Penészlek das bunte Bauernhaus von Károly und Ilonka Karászi. Hinter dem Hügel ist Ungarn zu Ende, die rauschenden Eichen im Wald sterben noch an Altersschwäche und die bestäubten Akazienblüten schneien vom Himmel. Die Luft schmeckt nach Sonne, Knochenarbeit und Heu. Wenn sich bei Sonnenaufgang die schönen Budapester Frauen ihre Tanzschuhe von den geschwollenen Füßen streifen und ermüdet in ihre Laken sinken, steigen Károly und Ilonka nahe der rumänischen Grenze aus den Daunen. Es ist Sonntagmorgen, einer nach dem anderen schlürfen sie hinüber in den kleinen Toilettenverschlag und begrüßen unterwegs die springenden Hunde im Hof. Wenig später steigt er in seine Stiefel, sie wirft sich den Kittel über. Ihr langer Tag wird ausgefüllt sein mit Stallarbeit, Feldarbeit, Hausarbeit. Und einem kurzen Gang in die Kirche.

Károly und Ilonka sind zwei von einer Million ungarischen Bauern. Er ist 55 Jahre und sie 53. Seit mehr als drei Jahrzehnten leben sie auf diesem Hof unter dem alten Walnussbaum. Sie haben vier Hunde, zwei Milchkühe, drei Kälber, zwei Pferde, Dutzende Hühner, Hasen, Tauben, Katzen, Schwalben. Anna wird niemals Rente bekommen, da sie neben der Arbeit auf dem Hof vier Kinder großgezogen und nie einen Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Die Tochter und die drei Söhne sind bis auf den Jüngsten in die Städte fortgezogen, da sie dort mit weniger Arbeit mehr Geld verdienen. Manchmal sind die Kinder zu Gast, helfen bei der Arbeit und erinnern die Alten an die eigene Jugend. Vor 30 Jahren lebten im Dorf 1.800 Menschen, heute sind es halb soviel. Allein in ihrer kleinen Straße sind seitdem dreißig Häuser verfallen oder stehen leer. Fern in der pulsierenden Hauptstadt füllen sich die Tische der Straßencafés am späten Morgen mit Espressotassen, Salzgebäck und Zigaretten. In Penészlek holt Károly zum Frühstück grinsend seinen Pálinka in der Coca-Cola-Mehrwegflasche aus dem Schlafzimmer. "Das regt den Appetit an", sagt er streng, und die Gäste parieren. Danach gibt es Espresso in Gläsern, und in aufgeschlagenen Eiern gebackene Weißbrotscheiben. Die Karászis streiten über Religion, denn Ilonka war heute in der Kirche, er nicht. Ein Lächeln liegt in ihren Augen, nach 35 Jahren.

"Ich wäre irgendwann in die Stadt gezogen, doch Ilonka wollte nicht", murmelt Károly mit Schinken im Mund und einem scharfen Brotmesser in der rechten Hand. Er zeigt auf die nachkolorierten Fotografien an der Wand. Ein schneidiger Kerl war er, und Ilonka ein hübsches Mädchen. Die Erinnerungen an frühere Zeiten finden sich auch in der aufgemalten Tapete, in den geknüpften kunterbunten Teppichen, den Briefen, die in der altmodischen Küchenvitrine liegen. Károly und Ilonka sind noch nie im Urlaub gewesen, auch nicht am Balaton. Man freut sich, wenn einer von beiden zum Schlachten ins nächste Dorf fahren kann, denn der andere muss immer auf dem Hof bleiben.

Inzwischen steht die Sonne hoch am Himmel und brät die Leiber im historischen betonierten Széchenyi-Thermalbad der Hauptstadt. In Penészlek gibt es auch eine Thermalquelle, die bei Bohrungen nach Öl gefunden wurde. Angeblich ist sie mit etwa 90 Grad die heißeste von Ungarn. Doch es gibt keine Investoren, und wer von den Touristen verirrt sich schon bis hierher? Die Quelle wurde wieder verschlossen und ist seitdem so unwichtig wie die Falten in Károlys braunem Gesicht an einem Sonntag. Er trägt Heu durch den Hof, tränkt die Pferde. Sie füttert den jüngsten Hund und bäckt in der Sommerküche die frische Schlachtwurst mit Winterkartoffeln im Ofen.

Ilonka zögert kurz, als das Telefon klingelt. Seit einem Jahr ist sie für die Enkelkinder erreichbar, die unbedingt mit der Oma reden wollen. Alle freuen sich auf die Sommerferien, dann wird der Hof wieder erfüllt sein mit hellen Stimmchen und die Nächte mit tiefem Stadtkinder-Schlaf.

Sonntag nachmittags gehen die Budapester ins Kino und sehen amerikanische Filme mit ungarischen Untertiteln. Das nächste Kino von Penészlek ist 50 Kilometer entfernt. Sie spannen das Halbblut vor den Gummiwagen, fahren durch die Wälder und singen die alten Lieder. Unterwegs treffen sie auf den alten Hirten János, der seit vierzig Jahren seine Schafe und Ziegen durch die Heiden treibt, und die Luft ist erfüllt von Tausenden Bienen, die fleißig Akazienhonig sammeln. Die Fahrt geht vorbei an weißen, leeren Bauernhäusern, die Gärten paradiesisch verwachsen. Ein weißgekalktes Haus mit großem Garten kostet umgerechnet 250 Mark, ein wenig mehr als das Pferd vor der Kutsche.

Ungarn ist ein Selbsterzeugerland, die Tomaten schmecken nach Tomaten, und die Erdbeeren - noch - nach ungarischen Gärten. Penészlek zum Beispiel produziert einen besonderen "Gomolya"-Käse (Schafskäse), der nach Italien exportiert wird. Ursprünglich sollten durch die Käseproduktion Arbeitsplätze für einige Bauern entstehen, gereicht haben sie nur für Angehörige der Bürgermeisterin. Aber Geld spielt keine große Rolle hier auf dem Land. Die Gespräche drehen sich um die nächste Ernte, nicht um den Euro oder ob Ungarn nun in zwei oder fünf Jahren der EU beitreten wird.

Die Verlierer der Union werden zuerst auch Károly und Ilonka sein. Oder besser: Sie werden wieder die Verlierer sein. Früher lebten auf ihrem Hof doppelt so viele Tiere. Seitdem sie ihre Erzeugnisse so fern der Städte nicht mehr verkaufen können, produzieren sie nur noch für sich. Alles, was sie mit ihren Händen schaffen, versorgt sie mit Energie, um am nächsten Tag wieder mit den Händen zu schaffen, was den Körper ernährt. Solange, bis sie nicht mehr können. Unter der Woche stehen in Penészlek 70jährige gebeugte Frauen auf den Maisfeldern. In der linken Hand stützen sie sich auf den Krückstock, mit der rechten gießen sie die jungen Pflanzen. Gepflügt wird mit lebendigen Pferdestärken.

Den Sonnenuntergang sieht in Budapest selten einer, zu hoch sind die Häuserfassaden, zu sehr ist der Mensch eingesponnen in wichtigere Dinge. Auch nach den Sternen blickt kaum einer empor, denn sie gehen unter in der Helligkeit der Burg- und Parlamentsbeleuchtung. Die Sterne in Penészlek leuchten in allen klaren Nächten mystisch hell. Károlys Worte bei einem der Pálinkas verhallen im Singsang der Nachtvögel: "Das Leben für einen Wurm in einer Meerrettichwurzel ist angenehm. Er kriecht umher, frisst hier und nagt da. Der Wurm fühlt sich pudelwohl und denkt nicht daran, sein Dasein in Frage zu stellen, denn das Tierchen weiß nichts von der Existenz süßer Äpfel und saftiger Aprikosen." Károly und Ilonka Karászi aus Penészlek wissen mehr als der Wurm und ziehen dennoch den beißenden und scharfen Meerrettich den verlockenden Früchten vor.

DER NEUE PESTER LLOYD - DIE DEUTSCHSPRACHIGE ZEITUNG UNGARNS
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Letzte Änderung: 04.05.2009

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