Artikel aus dem Neuen Pester Lloyd

Mit-Täter

Die Rolle Österreichs und Ungarns beim Holocaust dokumentiert ein soeben erschienenes Buch der Jüdischen Kulturstiftung

"Ungarn in der österreichischen Lagerwelt der SS" heißt der relativ neutrale Titel der neuen Monographie von Szabolcs Szita. Der bekannte Historiker erforscht seit vielen Jahren die Geschichte des Holocaust in Ungarn. Ein Teil seiner grundlegenden Werke erschien bereits in Österreich. Zur Präsentation seines jüngsten Buches fand sich ein überraschend großes Publikum in der Akademie der Ungarischen Wissenschaften ein. Es kamen größtenteils betagte Damen und Herren. Unter ihnen zahlreiche Opfer jener schrecklichen Zeit, die in Szitas Werk so gründlich und nahezu emotionslos geschildert wird. Von daher ist die Wirkung der Dokumentation noch eindrucksvoller.

Einen interessanten Beitrag bei der Buchpräsentation lieferte Martin Pammer, der Gesandte der Österreichischen Botschaft in Ungarn. Der junge Diplomat (Jahrgang 1966) wollte in diesem Zusammenhang die individuellen Verbrechen seiner Landsleute gar nicht leugnen, er bezog aber Stellung gegen eine kollektive Schuldzuweisung dem gesamten Volk gegenüber. Und dies gerade angesichts der Tatsache, dass sein Großvater auch zu den Opfern der NS-Willkür gehört. Pammer erinnerte daran, dass es in den österreichischen Schulen schon seit 20 Jahren üblich ist, die Kinder mit dem Holocaust und dessen Hintergründen zu konfrontieren - eine Erziehung, die auch die Weltanschauung seiner Generation geformt hat. Ein bemerkenswertes Beispiel, wenn man bedenkt, dass in den ungarischen Schulen erst in diesem Jahr der Holocaust-Gedenktag eingeführt wird.

"Wenn es auch andere Stimmen in Österreich gibt", sagte der Diplomat, sei nicht zu vergessen, daß man sich gerade jüngst mit der Vertretung der ehemaligen ungarischen Zwangsarbeiter auf österreichischem Gebiet einigen konnte und die "symbolische finanzielle Wiedergutmachung" aus dem Wiener Versöhnungsfonds würde den Opfern bald überwiesen.

Das Werk Szitas ist eine erdrückende Lektüre und nicht gerade eine Erbauungs-Literatur für den ungarischen Rezensenten. Der gewissenhafte Historiker verfällt nämlich überhaupt nicht in die heutzutage und auch hierzulande besonders "modische" Rolle, die volle Verantwortung für die qualvolle Ausrottung von über 400.000 ungarischen Juden ausschließlich an die Adresse der Deutschen zu richten. Er dokumentiert akribisch mit Namen und Daten, wie der ungarische Staatsapparat, vor allem die Gendarmerie, aber auch die Armee, die nazifreundlichen Politiker den Offizieren von Eichmanns "Sonderkommando" mit vollem Einsatz zur Seite standen. Der deutsche Obergruppenführer hätte mit seinem relativ kleinen Stab diese Riesenaufgabe nie bewältigen können. Darüber hinaus ist bekannt, dass das von den Opfern geraubte Vermögen nicht nur in deutschen Taschen und Tresoren verschwand.

In diesem Teil der tragischen Geschichte der verschleppten Ungarn (es waren keineswegs nur Juden, auch viele "arische" Antifaschisten, Kommunisten, Politiker der verschiedensten Parteien sowie Aristokraten gelangten in die Lager in Österreich) geht es um die Zeit zwischen April 1944 und dem Kriegsende 1945. Schon kurz nach der deutschen Besetzung des Landes am 19. März 1944 kam die erste Welle in die "Ostmark". Dabei handelte es sich um bekannte Persönlichkeiten des ungarischen politischen und wirtschaftlichen Lebens, darunter führende jüdische Geschäftsleute, die als Geisel genommen wurden. Darunter auch eine stattliche Zahl von Nichtjuden, die durch Denunziation ihrer Landsleute in Gestapohaft gelangten. Im Sommer kam dann die zweite Welle, diesmal waren es schon an die 6.000 Juden, um den Bedarf an Arbeitskräften in der Wiener Wirtschaft zu gewährleisten.

Ein Teil von ihnen "wohnte" unter schwierigsten Bedingungen, den brutalsten Behandlungen der Wachmannschaft ausgesetzt, im so genannten "Arbeitserziehungslager Oberlanzendorf". Wer dort überlebte, kam nach einiger Zeit meist nach Mauthausen oder in eines der anderen Lager.

Mauthausen mit seinen zahlreichen Nebenlagern ist eine - großteils bekannte - Geschichte für sich. Doch unterzog sich Szita der Mühe, durch jahrelange Forschung in den verschiedensten Archiven (die sich für ihn nun viel leichter als früher erschlossen) diese Schreckensgeschichte, darin die der ungarischen Häftlinge, ausführlich aufzuarbeiten. Weniger bekannt ist die Tragödie der vielen Zehntausenden ungarischen Juden, die in der letzten Phase des Krieges nach Österreich getrieben worden waren, wo dann viele unter schrecklichen Umständen, ihr Leben lassen mußten.

Nach dem halbherzigen Amateur-Versuch des Reichsverwesers Horthy, in der letzten Stunde des 15. Oktober 1944 mit Hitlerdeutschland zu brechen, musste er schließlich noch den ungarischen Ober-Nazi, den Pfeilkreuzler Ferenc Szálasi, zum "Führer der Nation" ernennen. Adolf Eichmann war wieder in Budapest und hatte keine Schwierigkeiten auch seinen neuen Wunsch erfüllt zu bekommen: etwa 100.000 Juden sollten für die wichtigen Rüstungsbetriebe in der Ostmark bzw. für Befestigungsarbeiten "ausgeborgt" werden. Szálasi und seine Bande waren überglücklich, die "Endlösung" dadurch vorantreiben zu können: Es wurden ihm alle noch verfügbaren Juden überlassen. Mangels Transportmöglichkeiten sind diese Menschen ab November von Budapest zu Fuß gen Westen getrieben worden, wobei Hunderte schon auf dem Weg dorthin starben. Diejenigen, die nicht mehr weiter konnten, wurden niedergeknüppelt oder erschossen. Unter ihnen mehrere Dichter und Schriftsteller, die zu den Besten des Landes zählten.

Die Überlebenden wurden gezwungen, die "Reichsschutzstellung", den Südostwall, von Bratislava bis zur Drau zu bauen, um den Feind vor Wien aufhalten zu können. Im Hinterland lagen schließlich die zahlreichen wichtigen Rüstungsbetriebe - in denen übrigens die anderen ungarischen Juden mit Sklavenarbeitern aus ganz Europa an den V-Raketen, den Jagdflugzeugen und anderen "Wunderwaffen" Tag und Nacht schufteten. Die Zwangsarbeit mit ihren unzähligen sinnlosen Opfern war noch bis März 1945 voll im Gange. Im Gau Niederdonau (Niederösterreich und das nördliche Burgenland) waren etwa 83.000 um im südlichen Burgenland und der Steiermark cirka 35.000 Personen eingesetzt. Viele von ihnen starben durch die zu verrichtende Schwerstarbeit, andere durch ihre "Bewacher", den SS-Leuten; mitunter nahmen auch schon mal Hitlerjungen an den Erschießungen teil.

Die Monographie beschäftigt sich in einem Kapitel auch mit einem merkwürdigen Ereignis in dieser Zeit: dem Geschäft von SS-Leuten mit einer Gruppe gut betuchte ungarische Juden, denen es gelang, sich freizukaufen. Diese konnten mit ihren Familien in das Lager Strasshof bei Wien gelangen. Obwohl sie bis Kriegsende in den verschiedensten Wiener Betrieben zu Arbeit verpflichtet wurden, konnten die meisten diese Schreckenszeiten überleben. Noch leichter hatte es die kleine Gruppe von Großindustriellen, die im Rahmen eines Sondergeschäftes - gegen die Überlassung all ihres Vermögens und Besitzes - unter SS-Bewachung in die Schweiz ausreisen durften, während viele andere diese Geschäfte viel weniger glücklich beendeten, obwohl auch sie ihr Vermögen an die Geschäftemacher der SS übergeben hatten. Sie kamen bereits auf dem Weg zum Budapester Flughafen "zufällig" in eine Kontrolle und wurden deportiert - als hätten sie nie gezahlt.

Es ist zu hoffen, dass Prof. Szitas neues Buch nun auch bald ins Deutsche übersetzt wird. Die detaillierte Aufarbeitung dieses Kapitels der Geschichte des Holocaust in Österreich dürfte sicherlich auch jenseits der Grenze auf großes Interesse stoßen. Ein Interesse, das freilich schon jetzt großteils vorhanden ist. Der Autor wurde schließlich sowohl durch ungarische als auch durch österreichische Regierungsstellen (u.a. Aktion Österreich-Ungarn) bei seiner Arbeit unterstützt.

  • A.H.- H.
    Szita Szabolcs: "Magyarok az SS ausztriai lágerbirodalmában"
    Herausgegeben durch die Öffentliche Stiftung
    "Jüdisches kulturelles Erbe in Ungarn"; ISBN 963 00 4611 3
DER NEUE PESTER LLOYD - DIE DEUTSCHSPRACHIGE ZEITUNG UNGARNS
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Letzte Änderung: 04.05.2009

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