Wolkenwelt

Wolkenwelt

Es mochte ungefähr drei Uhr morgens sein, wie ich nachher vom Wächter erfuhr, da sah ich nach Südost sich die Sonne glorreich durch die Wolken brechen, deren Ränder vergoldet waren. Indem ich so hinsah, so herrlich hatte ich es nie gesehen, da dachte ich und rief. 'Es ist erst drei Uhr und auf unsrer Erdseite noch dunkle Nacht, und doch bricht die Sonne durch.' Indem ich darüber nachsann, wendete ich mich Nordost und sah den Mond bleich und bewölkt, aber an seinen beiden Seiten waren zwei leuchtende Kugeln wie Sonnen, die ihn allmählich erleuchteten und zu einer Feuersäule erhoben, und indes ich ihn so mit Vergnügen betrachtete, erhebt sich daraus das köstlichste Gebäude, was menschliche Kunst nie nachbilden kann. Die Säulen waren ungeheuer und rauh aufgebuckelt mit köstlichen Steinen, der Flur gläsern, aber so hoch, daß ich den obern Teil nicht unterscheiden konnte, die Architektur so zusammengesetzt, daß ich sie nicht benennen konnte, aber alles durchdrungen von einer übermenschlichen Schönheit, Größe und Macht. Ich war in tiefer Betrachtung versunken, als mich der Wächter, der dreie ausrief, aus dem Schlaf weckte; ich konnte noch lange nachher den Traum deutlich vor mir sehen, allmählich verschwand erst das Gebäude.

Achim von Arnim - aus: Mistris Lee, 1809


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Poesie - Wolkenwelt

Zuletzt geändert am 04.05.2009

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