Wolkenwelt

Wolkenwelt

Hierauf schwiegen beide, während sie noch immer behaglich ausgestreckt im weichen Moose lagen.

"Aber Kind!" rief plötzlich die Trude, "da haben wir über all dem Geplauder ja ganz das Regenmachen vergessen. Schlag doch nur die Augen auf! Wir sind ja unter lauter Wolken ganz begraben; ich sehe dich schon gar nicht mehr!"

"Ei, da wird man ja naß wie eine Katze!" rief Maren, als sie die Augen aufgeschlagen hatte.

Die Trude lachte. "Klatsch nur ein wenig in die Hände, aber nimm dich in acht, daß du die Wolken nicht zerreißt!"

So begannen beide leise in die Hände zu klopfen; und alsbald entstand ein Gewoge und Geschiebe, die Nebelgebilde drängten sich nach den Öffnungen und schwammen, eins nach dem andern, ins Freie hinaus. Nach kurzer Zeit sah Maren schon wieder den Brunnen vor sich und den grünen Boden mit den gelben und violetten Irisblüten. Dann wurden auch die Fensterhöhlen frei, und sie sah weithin über den Bäumen des Gartens die Wolken den ganzen Himmel überziehen. Allmählich verschwand die Sonne. Noch ein paar Augenblicke, und sie hörte es draußen wie einen Schauer durch die Blätter der Bäume und Gebüsche wehen, und dann rauschte es hernieder, mächtig und unablässig.

Maren saß aufgerichtet mit gefalteten Händen.

"Frau Trude, es regnet", sagte sie leise.

Theodor Storm - aus: Die Regentrude, 1864


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Poesie - Wolkenwelt

Zuletzt geändert am 04.05.2009

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