Märchenwelt

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Begegnung

Wie jedes Jahr verbrachten meine Frau und ich unseren Winterurlaub auf Teneriffa. Eine Abends, wir kamen vom Strand zurück, fanden wir in unserem Zimmer einen Zettel. Er war wohl unter dem Türschlitz geschoben worden. Auf dem Zettel stand folgende Nachricht:

Termin: 06.01.2002
Uhrzeit: 12:00
Ort: Teide "Vulkan" Gipfel
Teilnehmer: Träumer und Freunde des kleinen Prinzen
Grund: Seminar zu Erklärung der Sinnigkeit der Reinigung eines erloschenen Vulkans
Gastgeber: der kleine Prinz

Wir waren voller Zweifel bezüglich des Sinnes eines Seminars zwecks Erklärung der Sinnigkeit eines erloschenen Vulkans. Noch größer waren unsere Zweifel bezüglich der Anwesenheit des kleinen Prinzen. Trotz aller Zweifel, den uns der gesunde Menschenverstand mit auf den Weg gegeben hatte, beschlossen wir das Geheimnis dieser Nachricht zu lüften. Ich muss wohl nicht näher erläutern, dass wir den kleinen Prinzen lieben und verehren. Das war es wohl und die Tatsache, dass uns etwas an der Nachricht sehr neugierig machte.

Nun ist es nicht gerade ein Spaziergang zum Teide. Er ist 3700m hoch und trotz einer Seilbahn die hinaufführt, ist es noch ein anstrengendes Stück Weges, um zum Krater zu gelangen. Oben angekommen waren wir zunächst ziemlich müde, enttäuscht und niedergeschlagen. Ein einsamer Krater. Kein kleiner Prinz. Niemand. Es war also so, wie wir tief im Inneren vermutet hatten. Jemand hatte sich einen dummen Scherz mit uns erlaubt. Hier oben war Nichts. Ruhe und......Nein! Es war keine Ruhe. Es war die absolute Stille. Je länger wir dort oben standen, um so tiefer drang sie in uns. Der ganze Lebensballast schien von uns zu fallen. Und nachdem die Stille eingekehrt war, begannen die Augen zu sehen. Tausende von Metern unter uns lag die Insel. Es war, als würden wir mit den Augen über sie hinwegfliegen.

Da war kein Horizont mehr. Wir flogen über unseren Horizont hinweg. Das Meer glitzerte, und malte Millionen von Sternen in den oben-unten Himmel. Wir waren unendlich klein und doch so groß wie nie zuvor. In diese Stille hinein vernahmen wir die Stimme eines Mannes.

"Habt ihr euch einmal Gedanken darüber gemacht, woran ein tätiger Vulkan seine Schönheit erkennt?"
Da stand ein alter Mann. Gebeugt. Schneeweißes Haar, das Gesicht wie eine Kraterlandschaft.
"Wo kommen sie denn her", fragte ich den alten Mann, nicht verstehend, wie dieser Greis den beschwerlichen Weg zum Krater hatte gehen können.

"Ich bin Ihr Seminarleiter", sagte der alte Mann. "Sind Sie die einzigen Teilnehmer?"
"Wir haben außer uns niemanden hier oben bemerkt."
"Ich verstehe. Ja, ja! Die Träumer sterben aus. Keine Zeit mehr zum träumen. Und ihr? Habt ihr eine Antwort auf meine Frage? Wie schon gesagt, ich bin euer Seminarleiter. Was schaut ihr so? Wen oder was habt ihr erwartet? Das der kleine Prinz persönlich erscheint? Na ja! Das wäre eigentlich eine gute Voraussetzung. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit dem kleinen Prinzen und war einfach neugierig, ob es außer mir noch Träumer gibt. 50000 Zettel habe ich verteilen lassen. Ihr Zwei seit gekommen. Nun! Habt ihr euch schon einmal Gedanken darüber gemacht, woran ein tätiger Vulkan seine Schönheit erkennt? Natürlich nicht. Warum hat der kleine Prinz seine Vulkane gereinigt? Ist es nicht so, dass der tätige Vulkan erst durch das Sehen der erloschenen Vulkans seine Schönheit erkennt, sich seiner Lebendigkeit bewusst wird! Ja, aber auch im Erloschenen liegt Schönheit. Das Erloschene ist Sinnbild des Vergangenen und des Zukünftigen. Dessen was war und sein wird. Das Vergangene, Erloschene muss klar sein. Wenn man darauf zurückblickt, dürfen keine Schatten den Blick trüben. Das Vergangene muss geklärt sein, um ungetrübten Blickes in die Zukunft und zurückblicken zu können. Ich habe zufällig zwei Besen dabei. Wenn ihr nun den Vulkan reinigt, geht vorsichtig mit der Asche um. Kehrt sie nicht achtlos zur Seite. Es ist die Lebensasche des Vulkans. So etwa, wie eure Vergangenheiten und Erinnerungen. Oft kehrt ihr auch sie achtlos zur Seite und beachtet sie nicht mehr. Vergesst, dass aus der Asche der Vergangenheit eure Gegenwart geformt wurde. Macht euch an die Arbeit. Ich werde hier oben ein wenig herumschlendern und mir später das Ergebnis eurer Arbeit anschauen."

Wir machten uns an die Arbeit. Während wir liebevoll den Vulkan reinigten, erzählten wir uns Geschichten von früher. Geschichten und Ereignisse die wir schon lange vergessen hatten. Nun gut. Wir hatten sie nicht vergessen. Wir wollten uns nicht an sie erinnern. Es handelte sich um Erinnerungen, die wir verdrängt hatten. Tief in unserer Seele hatten sie Platz genommen. Dort wo alles schwarz, dunkel und traurig ist. Aus Angst und Scham hatten wir einen Teil unseres "Ichs" in uns eingesperrt. Mit jedem Öffnen wurde unsere Seele leichter.

Als die Dunkelheit hereinbrach war unsere Arbeit getan und wir waren überglücklich. Frei vom Seelenballast blickten wir uns so tief in die Augen wie nie zuvor.

Gemeinsam machten wir uns auf die Suche nach unserem Seminarleiter. Er war nicht zu finden. Uns kam diese ganze Zusammenkunft recht merkwürdig vor. Es war keine Zeit sich weiter Gedanken darum zu machen. Es wurde sehr schnell dunkel und wir machten uns an den Abstieg. Nach einer Weile blieben wir stehen. Wir konnten nicht glauben, was wir vom Krater vernahmen. Von dort oben war ganz deutlich das Lachen eines Kindes zu hören.

© 5/2002, Otto Lenk


Märchen 26 von 26

Poesie - Märchenwelt

Zuletzt geändert am 09.06.2015

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