Märchenwelt

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Der Schatz der Wüste

Das Haus lag am Rande der Wüste. Damals, als seine Familie sich hier ansiedelte, war das Land fruchtbar und grün. Sein Vater ging oft mit ihm zum nahegelegenen See. Dort erzählte er ihm von seiner Liebe zum Land und sie ging in ihn über. Die Jahre vergingen. Er lernte die Äcker zu bestellen und die Ernte einzubringen. Die Eltern verstarben und er heiratete eine fleißige Frau. Sie war seine große Liebe und schenkte ihm zwei Söhne. Er war ein glücklicher Mann. Oft ging er mit seinen Söhnen zum See und erzählte ihnen von den Wundern der Natur.
"Das hier", sagte er,"ist unsere Oase. Das Paradies auf Erden."
Bis die Trockenheit kam. Es waren schwere Jahre, aber er vertraute auf Gott.
"Glaub mir Frau, es werden auch wieder bessere Jahre kommen."
Die Jahre vergingen, der Regen blieb aus. Aus dem See war ein morastischer Tümpel geworden. Die Ernte reichte kaum noch aus, die Familie zu ernähren. Bitterkeit fraß sich in die Seele des Mannes. Erst verfluchte er das Land, dann seinen Gott. Sein Hass machte auch vor der Familie nicht halt. Er sprach kaum noch mit ihnen, und wenn, endete es immer in Streitereien. Früh morgens verließ er das Haus, wanderte umher und beklagte sein Leid. Alle hatten Schuld. Gott, das Land und seine Familie. Das hatte er nicht verdient. Frau undKinder fürchteten sich vor seinen Wutausbrüchen. Die Wüste um ihn herum, hatte sich in ihm breit gemacht. Eines Abends klopfte es an der Tür. Der Mann öffnete und blickte in das alte Gesicht eines Fremden.
"Wir haben nichts. Können uns selber kaum ernähren. Such dir eine andere Bleibe."
"Warte", antwortete der Fremde. "Gewähre mir Einlass und ich schenke dir ein wertvolles Geheimnis."
"Nun gut! Tritt ein und sei unser Gast. Wo kommst du her, Fremder?"
"Aus der Wüste."
"Was hast du dort gesucht?"
"Ich suche nichts in der Wüste. Ich finde."
"Du findest in der Wüste?! Was in Gottes Namen gedenkst du dort zu finden?"
"Mich", antwortete er.
"Die Sonne scheint dir das Gehirn ausgebrannt zu haben, Wüstenwanderer! Wie dem auch sei. Du hast gegessen und getrunken und dein Nachtlager ist bereitet. Erzähl mir nun von deinem wertvollen Geheimnis."
"Wie du willst. Ich habe fünf bis sechs Tage nördlich von hier einen Schatz entdeckt."
"Einen Schatz!"
"Ja. Millionen kristallklarer Diamanten. Ein Wunder!"
"Und warum hast du den Schatz nicht in Besitz genommen?"
"All meine Reichtümer ruhen in mir. Ich brauche Nichts. Nimm du ihn."
Nachdem der Alte ihm den Weg beschrieben hatte, legten sie sich schlafen. Bis auf den Mann. Ruhelos ging er vor seinem Haus auf und ab. In seinen Gedankenbildern sah er sich. Reich. Einen Palast, Bedienstete, Frauen. Am Anfang noch mit seinen Gewissensbissen kämpfend, wurde er sich sehr schnell bewusst, dass er den Schatz für sich allein wollte. Sollte seine Familie doch sehen, wie sie zurecht kommt. Er ging in die Vorratskammer, nahm Proviant und Wasser und machte sich auf den Weg. Fünf endlose Tage marschierte er durch die Wüste. Lachend, wenn er an den Wüstenwanderer dachte, der dieser Einöde etwas abgewinnen konnte. Kreischend vor Freude, wenn er an seinen zukünftigen Reichtum dachte. Am Ende des fünften Tages sah er sie. Vor ihm lag eine Oase. Tausende von Palmen neigten sich im Wind. Es schien, als wollten sie ihn begrüßen. Grasgrün lächelte ihm das Land zu. Und inmitten der Oase ein See.
"Hier muß es sein", dachte der Mann.
Voller Vorfreude rannte er in das grüne Paradies und fing an zu suchen. Unter jedem Grashalm, jeder Palme grub er mit seinen Händen. Nichts. Es wurde dunkel. "Morgen! Morgen werde ich dich finden", rief er und fiel in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen weckten ihn die ersten Sonnenstrahlen. Er stand auf und blickte um sich.
"Nein! Oh nein!"
Seine Schreie wurden von der Wüste verschluckt.
Vor ihm lag der See und die Sonne zauberte Millionen kristallklarer Diamanten auf die Oberfläche.

© 9/2001, Otto Lenk


Märchen 19 von 26

Poesie - Märchenwelt

Zuletzt geändert am 09.06.2015

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