Entdecker

Fridtjof Nansen

Ein Leben - viele Lebenswerke

Fridtjof Nansen - nur der Name. Keine Worte des Gedenkens zieren das einfache Grab in dem stillen Garten in der Nähe von Oslo. Keine Daten sind eingraviert. Genau so sollte es sein. Denn große Männer sind zeitlos, und Nansen gehörte zu den größten.

Linn Ryne

Die Spannweite seiner Begabungen ist erstaunlich. Er war Entdeckungsreisender, Verfasser, Sportler, Ozeanograph, Staatsmann und Träger des Friedensnobelpreises. Außerdem rettete er durch seine humanitäre Arbeit nach dem Ersten Weltkrieg Tausende von Menschenleben.

Eine sorglose Kindheit

Nansen wurde in eine Familie hineingeboren, die für ihren öffentlichen Einsatz bekannt war und großes Ansehen genoss. Unter seinen Vorfahren waren viele außergewöhnliche Persönlichkeiten, die der Drang auszeichnete, Unbekanntes zu erforschen. Mütterlicherseits ist da Graf Wedel Jarlsberg, Oberbefehlshaber der norwegischen Armee zu der Zeit, als Christian V. König von Dänemark und Norwegen war; väterlicherseits sei Hans Nansen erwähnt, ehemals Bürgermeister von Kopenhagen, der Entdeckungsreisen auf das Weiße Meer unternahm. Charakterlich, so sagt man, habe Nansen eher seiner Mutter geähnelt - eine beeindruckende Frau, die neben dem großen Haushalt die Zeit fand, zu studieren und sich weiterzubilden. Seine weicheren Züge, die erst in fortgeschrittenem Alter deutlicher hervortraten, hatte er vielleicht von seinem bescheidenen und asketischen Vater, einem hochgeachteten Rechtsanwalt.

Gemessen an den damaligen Verhältnissen hatte Fridtjof Nansen vom Tage seiner Geburt im Oktober 1861 an eine sorglose Kindheit. Dank dem Wohlstand der Familie konnte er in den entscheidenden Jahren der Kindheit und Jugend seinen unzähligen Interessen nachgehen. In dem geräumigen Haus in Store Fr°en bei Oslo verbrachte er mit seinem Bruder Alexander und seinen Halbbrüdern und -schwestern glückliche Jahre. Inzwischen ein Stadtteil, war Store Fr°en damals noch ein ländliches Paradies, an das sich unmittelbar die Wälder der Nordmarka im Norden Oslos anschlossen. Hier in der Einsamkeit der Wälder wurde die Liebe des jungen Nansen zur freien Natur geweckt.

Trotz dem relativen Wohlstand der Familie wurden die Kinder zu harter Arbeit und Disziplin erzogen. Einfache Ernährung und eine genügsame Lebensweise kennzeichneten den Alltag der Familie von Store Fr°en.

Ein Mann mit vielen Talenten

Nansens vielseitige Begabung war schon früh erkennbar. Als Junge tat er sich unter Gleichaltrigen durch seine unersättliche Wissbegier und ausgeprägte Entschlusskraft hervor. Als junger Mann war er ein hervorragender Schlittschuh- und Skiläufer.

Nansens Interessen und Fähigkeiten waren so vielseitig, dass es ihm schwerfiel, eine Studienrichtung zu wählen, als er sich an der Universität Oslo einschrieb. Eigentlich lagen ihm Physik und Mathematik am meisten. Andererseits war er überzeugt, das Studium der Zoologie werde ihn der Natur näher bringen. Das gab den Ausschlag. Die Ozeanographie, mit der er sich dann besonders beschäftigen sollte, steckte damals noch in den Kinderschuhen.

Der Norden ruft

Zeitlebens galt Nansens Leidenschaft der Arktis. Sie wurde während der Studienzeit geweckt, als er 1882 auf Empfehlung eines Professors mit dem Robbenfangschiff "Viking" zum Nordpolarmeer fuhr mit dem Auftrag, seine Beobachtungen über die Windverhältnisse, die Meeresströmungen, die Bewegungen des Eises und das Leben der Tiere niederzuschreiben. Nansen leistete gute Arbeit. Seine ausführlichen wissenschaftlichen Beschreibungen illustrierte er mit glänzenden Skizzen.

Er begann, Tagebuch zu schreiben. Daraus wurde im Lauf der Jahre eine ansehnliche Menge, die der Nachwelt faszinierende Einblicke in sein gar nicht einfaches Gemüt vermittelt.

Die Reise mit der "Viking" war von großer Bedeutung, nicht nur wegen der wissenschaftlichen Ergebnisse und nicht nur, weil damit Nansens Interesse für die arktischen Gebiete auf Dauer geweckt war. Wissbegierig wie er war, kam er hier einer neuen Theorie auf die Spur. Ein Stück Treibholz auf dem Eis löste Überlegungen aus. Wo mochte es hergekommen sein? Nansen nahm Sibirien als Herkunftsland an, und den Beweis erbrachte er einige Jahre später mit der weltberühmten "Fram"-Expedition.

Zunächst sollte Nansen jedoch die Expedition durchführen, die seinen Namen zum ersten Mal über die Grenze hinaustrug. An Bord der "Viking" hatte er die Konturen der noch unerforschten Ostküste Grönlands erspäht. Bis dahin hatten nur Eskimos die Ostküste betreten. Die Idee, das Inlandeis zu überqueren, wurde damals geboren; verwirklicht werden sollte das Unternehmen jedoch erst im Jahre 1888.

Akademische Jahre

Als Nansen von seiner Reise mit der "Viking" heimkehrte, bot ihm das Museum in Bergen die Stelle des Konservators für die Naturgeschichtliche Sammlung an - ein schmeichelhaftes Angebot für einen Zwanzigjährigen, der soeben sein Universitätsstudium abgeschlossen hatte.

In Bergen forschte Nansen sechs Jahre lang, nicht draußen unter freiem Himmel, wie er es erhofft hatte, sondern im Laboratorium. Es war ein abrupter Übergang vom rauhen Leben an Bord eines Robbenfangschiffes zur alltäglichen Routine am Mikroskop mit gewissenhaften Studien winziger Organismen. Was er erforschte, war das Zentralnervensystem, einer der schwierigsten und mühevollsten Zweige der Zoologie. Seine Dissertation trug den Titel "The Structure and Combination of Histological Elements of the Central Nervous System" (1887). Sie enthielt so viele neue Deutungen, dass der Prüfungsausschuss sie nur mit einer gewissen Skepsis zuließ. Heute gilt sie als Klassiker.

Auf Skiern über Grönland

Nansen vergaß auch in Bergen nie seinen Plan, das Inlandeis Grönlands zu überqueren. 1887 konnte er endlich mit den Vorbereitungen beginnen. Es war ein kühner und originaler Plan; manche hielten ihn für tollkühn. Statt an der bewohnten Westküste an Land zu gehen und sich von dort aus dem Landesinneren zu nähern, wollte er an der Ostküste an Land gehen und sich nach Westen bewegen. Hätten sie Grönland von Westen nach Osten überquert, hätten sie die gleiche Strecke wieder zurückgehen müssen, da an der unwirtlichen Ostküste kein Schiff auf sie gewartet hätte. Das hätte das Zweifache der Strecke bedeutet. Mit der Ostküste als Ausgangspunkt gab es allerdings keinen Weg zurück. Es gab nur eine mögliche Richtung - vorwärts. Das war typisch Nansen, alles auf eine Karte zu setzen. Alle Brücken hinter sich abzubrechen, war eine Strategie, die er auch später erfolgreich anwendete.

Seine Männer sahen sich vor gewaltige Aufgaben gestellt. Ein fast lückenloser Gürtel von Packeis, das der mächtige Polarstrom mit sich führte, blockierte die Ostküste.

Schiffe und Menschen waren hier zugrunde gegangen. Riesige Eisberge trieben in den wenigen geschützten Buchten, und die Eismassen überhängender Gletscher drohten herunterzustürzen. Hinter dieser furchteinflößenden Barriere lag eine Bergkette wie ein Kranz um die Insel.

Die finanziellen Mittel stellten ein weiteres Hindernis dar. Obwohl die Universität Nansens Plan befürwortete, war das Storting nicht bereit, für ein derart waghalsiges Projekt, dessen wissenschaftliche Bedeutung fragwürdig war, Mittel zu bewilligen. Tausend Dollar von einem reichen Kaufmann in Kopenhagen waren jedoch genug, um die Sache ins Rollen zu bringen.

Die Gründlichkeit, mit der Nansen die Expedition plante, war charakteristisch für seine Arbeit. Jeder Schritt wurde gewissenhaft vorbereitet. Wenn das Wagnis am Ende von Erfolg gekrönt war, war das eben auf diese große Sorgfalt zurückzuführen, die er auch auf das kleinste Detail verwendete.

Die sechs Mann starke Expedition machte sich im Sommer 1888 auf den Weg. Am 17. Juli verließen die Abenteurer das sichere Leben an Bord, um in kleinen, offenen Booten an Land zu rudern. Sie rechneten mit zwei bis drei Stunden Fahrzeit. Stattdessen brauchten sie zwölf Tage. Unterwegs wurden sie häufig von großen Eisschollen eingeschlossen, und um das offene Gewässer wieder zu erreichen, mussten sie ihre Boote über das Eis ziehen. Erst am 29. Juli erreichten sie festen Grund, jedoch an einer 500 km weiter südlich gelegenen Stelle als geplant. Gegenwind und Strömungen hatten sie so weit nach Süden getrieben. Etwa einen Monat, nachdem sie das Schiff verlassen hatten, hatten sie endlich auch die steilen Klippen an der Küste überwunden und konnten sich auf den eigentlichen Weg über das Inlandeis machen. Der Marsch dauerte bis Ende September, als sie nach übermenschlichen Anstrengungen und bei Temperaturen von bis zu 50 Grad minus endlich die Westküste erreichten.

Im Alter von 27 Jahren hatte Nansen seine Mannschaft ohne jeglichen Unfall durch ein Gebiet geführt, das noch von keinem Menschen betreten worden war. Auf diesem anstrengenden Marsch hatten die Männer außerdem ihre meteorologischen Beobachtungen und andere wissenschaftliche Daten sorgfältig aufgezeichnet.

Vor dem nächsten Frühjahr verließ kein Schiff die Westküste, und Nansen verbrachte den unfreiwilligen Winteraufenthalt in Grönland damit, die Eskimos zu beobachten und Material für sein späteres Buch "Eskimoleben" (1891) zu sammeln.

Im Mai 1889 kehrten Nansen und seine Männer im Triumph nach Norwegen zurück, wo ihnen ein Empfang bereitet wurde, wie er den Helden einer Nation gebührt.

Die "Fram"-Reise nimmt Gestalt an

Nansen war jedoch nicht der Mann, der sich auf seinen Lorbeeren ausruhte. Noch immer ließ ihm das Treibholz keine Ruhe, das er auf der Eisscholle bei Grönland beobachtet hatte. Ein weiterer Beweis für eine Meeresströmung in Richtung Ost-West war aufgetaucht, als bei Grönland Teile der Ausrüstung der "Jeanette" entdeckt wurden, eines amerikanischen Schiffes, das 1879 nördlich von Sibirien auf Grund gelaufen war. Nansen war überzeugt, dass die Schiffsreste einer arktischen Strömung gefolgt waren, die von Sibirien am Nordpol vorbei nach Grönland trieb. Sein Plan bestand darin, ein starkes Schiff zu bauen, das dem Druck des Eises standhalten konnte, und mit diesem Schiff dann von Sibirien aus Richtung Nordpol zu fahren, bis es im Packeis festfror. Er wollte an Bord bleiben, während die Strömung das Schiff westwärts zum Nordpol und von dort aus nach Grönland treiben würde. Er legte seine Theorie der Norwegischen Geographischen Gesellschaft und der Royal Geographical Society of London vor. Sein Plan stieß auf kopfschüttelnde Skepsis bei den Gelehrten. Sie hielten den Bau eines solchen Schiffes nicht für möglich, und das Vorhaben sahen sie als reinen Selbstmord an.

Die Norweger aber setzten auf ihren jungen Helden. Ein großer Teil der Expeditionskosten wurde über den Staatshaushalt gedeckt. Der König und Privatpersonen sponserten das Projekt.

Drei Jahre dauerten die Vorbereitungen. Ein Schiff musste gebaut werden. Seine Konstruktion entstand in enger Zusammenarbeit zwischen Nansen und dem berühmten Schiffbauer Colin Archer. Das Ergebnis war die "Fram".

Sie war keine Schönheit. Wer sie heute in ihrem Museum bei Oslo sieht, findet das Schiff vielleicht plump und häßlich. Für seine Aufgabe war es jedoch wie geschaffen. Der Rumpf aus drei Schichten Eiche und Greenheart war in alle Richtungen mit schweren Balken versteift und deshalb unglaublich stark. Bug und Heck waren mit Eisen beschlagen. Wenn das Eis begann, mit seinen gewaltigen Kräften gegen das Schiff zu drücken, wurde das Schiff aufgrund der abgerundeten Formen ganz einfach hochgedrückt.

Die Kabinen und Aufenthaltsräume waren warm und gemütlich. Die "Fram" hatte eine reichhaltige Bücherei, Spiele und Musikinstrumente, mit denen sich die Männer in den langen Monaten an Bord die Zeit vertreiben konnten.

Nansen wählte zwölf Männer für die Reise, unter ihnen Otto Sverdrup, der mit ihm Grönland überquert hatte. Er wurde Kapitän der "Fram". Im Juni 1893 verließ die Expedition Kristiania (heute Oslo), versehen mit Proviant für sechs Jahre und Heizöl für acht. Nansen rechnete zwar nur mit zwei bis drei Jahren Reisedauer, ging aber kein Risiko ein, um das Leben seiner Leute nicht zu gefährden. In Norwegen ließ er seine Frau Eva (geb. Sars), eine vielversprechende junge Sängerin, und seine sechs Monate alte Tochter Liv zurück.

Nachdem sie zunächst der norwegischen Küste gefolgt war, dreht die "Fram" Richtung Osten und fuhr ein gutes Stück an der sibirischen Küste entlang. Dann wechselte sie den Kurs nach Norden und erreichte am 20. September das Packeis. Ruder und Schraube wurden eingezogen, und die "Fram" wurde auf die lange Reise mit dem Treibeis vorbereitet.

Allein in der Eiswüste

Wie sich zeigte, entsprach das Schiff in jeder Beziehung den Erwartungen. In den drei Jahren, in denen die Mannschaft ohne jeglichen Kontakt mit der Außenwelt lebte, war die "Fram" ein sicherer und gemütlicher Aufenthaltsort. Selbst wenn die gefürchteten Eisschollen mit ihrem enormen Gewicht die 530 Tonnen Schiff zu zerbrechen drohten, bestand es die Prüfung und war hinterher genauso dicht und sicher wie im Neuzustand.

Die Gefahren waren nicht nur physischer, sondern auch psychischer Art. Die Langeweile und in ihrem Gefolge die Erschöpfung stellten eine anhaltende Bedrohung dar, die Nansen abzuwehren versuchte, indem er seine Leute dauernd mit nützlichen Aufgaben beschäftigte. Wissenschaftliche Beobachtungen waren ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit.

Sie kamen nur qualvoll langsam vorwärts, und nach vielen frustrierenden Monaten hatte sich die "Fram" nur ein kleines Stück weiterbewegt. Nansen, von Natur rastlos, fiel es schwer, die Einförmigkeit an Bord zu ertragen. Es sah nicht so aus, als ob das Schiff so nah an den Pol herankommen würde wie erhofft. Er entschloss sich deshalb, auf Skiern einen Vorstoß zu machen und nahm einen seiner besttrainierten Männer mit, Hjalmar Johansen.

Es würde nicht möglich sein, zum Schiff zurückzufinden. Daher hatte Nansen die Absicht, nach Erreichen des Nordpols Kurs auf Spitzbergen oder Franz-Josef-Land zu nehmen.

Die Verantwortung für die "Fram" überließ er dem tüchtigen Otto Sverdrup.

Zum Nordpol

Nansen und Johansen verließen das Schiff am 14. März 1895. Mit Hunden, Kajaks und Schlitten unternahmen sie den verzweifelten Versuch, den Pol zu erreichen. Aber wieder einmal kamen sie viel zu langsam voran, und die Umstände waren schlimmer als erwartet. Als sie endlich die geographische Breite von 86░ und 14' erreicht hatten und dem Nordpol näher waren als je ein Mensch vor ihnen, gaben sie auf und schlugen den Weg Richtung Franz-Josef-Land ein.

Für die fünfhundert Kilometer lange Strecke hatten die beiden Männer fünf Monate äußerster Anstrengung gebraucht. Schließlich erreichten sie eine Insel, der Nansen später nach dem britischen Entdeckungsreisenden Jackson den Namen Jackson Island gab. Dort überwinterten sie neun Monate in einer kleinen selbstgebauten Steinhütte.

Im Mai des folgenden Jahres machten sie sich auf den anstrengenden Weg nach Süden. Mitte Juni hatten sie das unfassbare Glück, in der Einöde des Eises auf Frederick Jackson zu stoßen, den Leiter der britischen wissenschaftlichen Expedition, die auf Franz-Josef-Land arbeitete. Die Norweger folgten ihm ins Hauptlager der Briten.

Erst kürzlich wurde das Tagebuch Nansens gefunden, in dem er die strapaziöse Tour beschrieb. Eine Abschrift seiner 599 Seiten umfassenden Aufzeichnungen ist heute im Polarmuseum von Troms° ausgestellt.

Zwei Monate später, am 13. August 1896, wurden Nansen und Johansen von Jacksons Schiff in der nordnorwegischen Stadt Vard° an Land gesetzt.

Was die Männer nicht wussten, war, dass es der "Fram" am gleichen Tag gelungen war, sich in der Nähe von Spitzbergen aus dem Packeis zu befreien und ihre Fahrt nach Süden anzutreten. Nur eine Woche nach Nansens und Johansens Rückkehr konnte die "Fram" im Hafen von Skjerv°y in Nordnorwegen vor Anker gehen. Wie Nansen es vorausgesehen hatte, war das Schiff mit der Strömung nach Westen getrieben, und damit hatte sich seine Theorie als richtig erwiesen.

Heimkehr im Triumph

Die Reise entlang der norwegischen Küste war ein einziger Triumphzug für Nansen und seine zwölf Männer. Am 9. September erreichten sie Oslo, wo ihnen ein stürmischer Empfang bereitet wurde. Das Land, das so lange erst von Dänemark, dann von Schweden beherrscht war, befand sich aufgrund der unbeliebten Union mit Schweden in einer Krise. Die Lage war verfahren, und es drohte Krieg. Unter derartigen Umständen brauchte Norwegen nationale Größen, und in Nansen sah die Nation eine Persönlichkeit wie geschaffen für die Rolle des starken Mannes. In einem Alter von 35 Jahren hatte er größere Leistungen vollbracht als viele ältere Männer mit glanzvollen Karrieren.

Bei dem nationalistischen Rummel und der Verherrlichung von Nansens Unternehmen wurde seine Bedeutung für die Wissenschaft fast übersehen. Nansens Forschung hatte neue Kenntnisse von unschätzbarem Wert geliefert. Sie hatte bewiesen, dass es in der Nähe des Nordpols auf der eurasischen Seite kein Land gab, sondern nur tiefes, eisbedecktes Meer. Die Männer hatten in einer gewissen Tiefe unter dem Polareis eine Strömung warmen Atlantikwassers entdeckt, und die von ihnen aufgezeichneten Beobachtungen über Strömungsverhältnisse, Wind und Temperaturen waren der Forschung noch viele Jahre lang von Nutzen. Für die junge Wissenschaft Ozeanographie bekam die "Fram"-Expedition große Bedeutung, und für Nansen selbst bezeichnete sie den Wendepunkt in seiner wissenschaftlichen Arbeit, die sich fortan um die Meereskunde drehte.

Nansen, jetzt Professor, verwendete viele Jahre auf die Erforschung der Meeresgebiete. Er wechselte ab zwischen der Arbeit an der Universität und Feldexpeditionen und unternahm ausgedehnte Reisen auf dem Europäischen Nordmeer und dem Atlantischen Ozean. Hier sammelte er wissenschaftliche Daten, Tier- und Pflanzenmaterial. Seine Funde machten die Bedeutung des Meeres für das Festlandsklima deutlicher, als es je der Fall gewesen war.

Eine neue Rolle

Nansens Weg vom Leben als Entdeckungsreisender und Forscher zu dem als Staatsmann war kurz. Er hatte seine Führungseigenschaften deutlich unter Beweis gestellt und wurde von seinen Landsleuten geachtet und geschätzt.

Im Jahre 1905 hatte sich die Uneinigkeit über die Union zwischen Norwegen und Schweden zur Krise entwickelt. Norwegen bestand auf einer eigenen Regierung. Das Land verlangte, dass die Verantwortung für die Außenpolitik in die Hände des Königs gelegt werde und nicht - wie es die Schweden im Jahre 1885 bestimmt hatten - in die des schwedischen Außenministers. Im August 1905 spitzte sich die Lage zu, und das norwegische Volk stimmte für eine restlose Auflösung der Union mit Schweden. In der angespannten Zeit, als ein Krieg auszubrechen drohte, versuchte Nansen, seine Landsleute dazu zu ermutigen, für ein freies Norwegen Stellung zu beziehen.

Als die Schweden Forderungen stellten, die für Norwegen unannehmbar waren, wurde Nansen in aller Eile erst nach Kopenhagen, dann nach Großbritannien geschickt, wo er fast einen ganzen Monat darauf verwendete, die Briten von der Gerechtigkeit der norwegischen Sache zu überzeugen. Schritt um Schritt wurden die Forderungen auf beiden Seiten gemäßigt, und Mitte Oktober wurde ein Abkommen unterzeichnet, das Norwegen aus der schwedischen Herrschaft entließ.

Nansens Stellung war in der Öffentlichkeit so stark, dass er 1905 gebeten wurde, das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen. Man sagt auch, er sei in aller Heimlichkeit aufgefordert worden, nach Abklärung der Staatsform für das Amt des Präsidenten bzw. Königs zu kandidieren. Er lehnte beide Ansinnen mit der Begründung ab, er sei Forscher und Entdeckungsreisender. Er war jedoch persönlich daran beteiligt, den dänischen Prinz Carl davon zu überzeugen, den unbesetzten norwegischen Thron zu besteigen. Prinz Carl wurde König und nahm den norwegischen Namen Haakon VII. an.

In London

Obwohl ihm die Wissenschaft am Herzen lag, konnte Nansen die Bitte König Haakons nicht abschlagen, norwegischer Botschafter in London zu werden. Dieses Amt in der britischen Hauptstadt hatte er von 1906 bis 1908 inne. Es traf Nansen schwer, als mitten in dieser Zeit - im Jahre 1907 - seine Frau Eva starb. Das geschah kurz nachdem sich die Hoffnung zerschlagen hatte, eine Expedition zum Südpol zu leiten. Schon seit einiger Zeit hatte er sich eingehend mit den Plänen für eine größere Expedition in diesen unbekannten Kontinent befasst. Die Südpol-Erforschung wäre aller Wahrscheinlichkeit nach die Krönung seiner Forscherkarriere geworden. Das Problem war, dass Nansen die "Fram" dem jungen norwegischen Polarforscher Roald Amundsen für eine längere Seereise nördlich von Sibirien versprochen hatte - eine Expedition, von der man sich äußerst wertvolle Beiträge zur Meeresforschung erwartete.

Nansen entschied sich nach reiflichem Überlegen, aber schweren Herzens, Roald Amundsen die "Fram" zu überlassen.

In Washington

Der Erste Weltkrieg setzte aller Meeresforschung und allen wissenschaftlichen Expeditionen für mehr als vier Jahre abrupt ein Ende. Norwegen blieb neutral, geriet aber in große Schwierigkeiten, als die USA, die 1917 in den Krieg eintraten, die Ausfuhr von Lebensmitteln einschränkten. Eine Kommission mit Nansen an der Spitze wurde nach Washington entsendet. Über ein Jahr lang führte er den langwierigen und häufig verzweifelten Kampf um die Versorgung Norwegens mit Nahrungsmitteln, ohne dass das Land im Gegenzug seine Neutralität opfern musste. Am Ende nahm er die Sache selbst in die Hand und bahnte sich gewaltsam einen Weg durch den bürokratischen Dschungel. Er unterzeichnete ein Abkommen, durch das Norwegen - im Austausch gegen gewisse Zugeständnisse - jährliche Schiffsladungen von lebenswichtigen Waren zugesichert wurden.

Der Erste Weltkrieg erregte Nansens Abscheu vor dem sinnlosen Blutvergießen. Als nach dem Krieg der Völkerbund Gestalt annahm, unterstützte er ihn nach Kräften, und später war er mehrere Jahre lang norwegischer Delegat. Bei den Verhandlungen, die der Gründung des Völkerbundes vorausgingen, wurden die kleineren, neutralen Staaten häufig vergessen. Die großen Nationen diktierten die Bedingungen, und die kleinen waren Zuschauer. Trotzdem sah Nansen im Völkerbund eine neue Hoffnung für die Menschheit. Er überredete nicht nur Norwegen, sondern auch die anderen skandinavischen Länder zum Beitritt.

Einsatz für die Opfer des Krieges

Nach den Jahren als Delegat im Völkerbund wollte Nansen den Rest seines Lebens der Wissenschaft weihen. Nur widerstrebend war er Staatsmann und Diplomat gewesen. Jetzt konnte er sich guten Gewissens von der internationalen Tätigkeit zurückziehen.

Der Völkerbund aber dachte anders. In den Gefangenenlagern Europas und Asiens litt eine halbe Million vergessene Männer, Kriegsgefangene, die für Deutschland und seine Verbündeten gekämpft hatten. Die Russen waren mit der Revolution beschäftigt und verhielten sich dem Schicksal dieser Männer gegenüber im großen Ganzen gleichgültig. Viele dieser Gefangenen hatten kein Vaterland mehr. Sie wussten nichts über ihre Familien und wenig über das, was sonst noch geschehen war, und Tausende starben vor Hunger und Kälte.

Der Völkerbund sah sich vor die enorme Herausforderung gestellt, diese Menschen entweder zu repatriieren oder ihnen eine neue Heimat zu geben. Es war offenkundig, dass diese Arbeit von einem tatkräftigen, resoluten Mann geleitet werden musste, der auch international Vertrauen und Achtung genoss. Die Wahl fiel auf Nansen.

Anfangs lehnte er ab, doch die wiederholten Vorsprachen erzielten bald die gewünschte Wirkung. Im April 1920 verließ Nansen Kristiania, um sich an die schwierige Aufgabe zu machen. Die sowjetische Regierung wollte den Völkerbund nicht anerkennen, und es gab praktisch kein Geld für Nahrungsmittel, Kleidung und Transport.

Obwohl Nansen am liebsten seine wissenschaftliche Arbeit fortgeführt hätte, sah er in der vor ihm liegenden Aufgabe große Möglichkeiten. Er konnte der Welt zeigen, dass der Völkerbund nicht nur eine idealistische Vision war, sondern ein praktisches Werkzeug zur Verbesserung der Lebensumstände der Menschheit. Gleichzeitig konnte er die menschlichen Leiden lindern, die ihn so tief berührten.

Nansen genoss solche Achtung, dass sich die sowjetische Regierung zu Verhandlungen mit ihm persönlich bereit erklärte. Finanzielle Mittel wurden beschafft, und die gigantische Arbeit wurde in Angriff genommen. Im September 1922 konnte Nansen dem Völkerbund mitteilen, dass die Arbeit abgeschlossen war. Nansens Hilfsorganisation hatte die Aufgabe mit Glanz bewältigt. Mehr als 400 000 Kriegsgefangene waren nicht nur schnell, sondern auch mit erstaunlich niedrigem Kostenaufwand in ihre Heimat zurückgeführt worden.

Hilfe für die Hungernden

Nansen, jetzt über 60, sehnte sich noch immer danach, nach Hause zurückzukehren, um seinen wissenschaftlichen Interessen nachgehen und die Zeit mit seiner Familie verbringen zu können. Aber die Welt brauchte weiterhin seine Fähigkeiten und Kräfte. Noch bevor die letzten Kriegsgefangenen repatriiert waren oder eine neue Heimat bekommen hatten, war die Welt schon in eine neue Krise geraten. Unerwartet schlechte russische Getreideernten stürzten zwanzig Millionen Menschen in eine Hungersnot. Im Kielwasser folgten Epidemien. Das internationale Komitee des Roten Kreuzes wandte sich an Nansen, er möge das Hilfsprojekt für die Menschen in den vom Hunger heimgesuchten Gebieten leiten. Noch einmal schob er seine eigenen Interessen zur Seite, um anderen Menschen zu helfen. Die Russen erlaubten ihm, in Moskau ein Büro einzurichten, von dem aus die Hilfsarbeit organisiert und überwacht werden konnte. Aber seine Appelle, Mittel zur Finanzierung der Arbeit zur Verfügung zu stellen, stießen im Völkerbund, der einem kommunistischen Land keine Unterstützung gewähren wollte, auf taube Ohren.

Nansen reiste herum, um Geld einzusammeln, aber es gelang ihm nicht, genug herbeizuschaffen, um alle Hungernden zu retten. Abertausende starben. Diese teilweise Niederlage machte einen starken Eindruck auf ihn. Nansen war Misserfolge nicht gewohnt, schon gar nicht, wenn er sich etwas wirklich vorgenommen hatte. Diese unnachgiebige Abweisung war ein Schlag gegen seine Vision von den großen Möglichkeiten des Völkerbundes. Dennoch gelang es ihm, vielen Menschen zu helfen, vor allem in der Ukraine und in den Wolga-Regionen.

Flüchtlingshilfe

Während seines Kampfes gegen die Hungersnot war Nansen gleichzeitig damit beschäftigt, ein anderes großes Projekt zu organisieren und zu leiten. Zwei Millionen unglückliche Russen, die erst vor der Revolution, dann vor der Gegenrevolution geflüchtet waren, wurden jetzt wie Vieh von Land zu Land getrieben. Die Zahl der davon berührten Nachbarländer der Sowjetunion war so groß, dass man eine zentrale Persönlichkeit brauchte, die mit den verschiedenen Regierungen verhandeln konnte. Der Völkerbund bat Nansen, das Amt des Hohen Kommissars für Flüchtlinge zu übernehmen und den Einsatz der verschiedenen Hilfsorganisationen zu koordinieren.

Die wichtigste Aufgabe war, die Flüchtlinge mit gültigen Ausweispapieren zu versehen. Das würde ihnen nicht nur einen Status geben, sondern auch die Möglichkeit, sich einen Pass zu beschaffen. Nansen schlug vor, als Passersatz Reisedokumente auszustellen, die die wichtigsten Auskünfte über die jeweilige Person enthielten. Viele Regierungen erklärten sich bereit, diesen sogenannten Nansen-Pass anzuerkennen. Tausenden von Menschen wurde es dadurch ermöglicht, zu reisen und sich in anderen Ländern niederzulassen. Nansen selbst nahm Kontakt mit den Regierungen auf und überredete sie dazu, bestimmte Quoten von Flüchtlingen aufzunehmen.

Die größte Einzelleistung seiner Flüchtlingsarbeit war vermutlich die Umsiedlung von mehreren hunderttausend Griechen und Türken, die im Jahre 1922, nachdem die griechische Armee von den Türken geschlagen worden war, von Ostthrakien und Kleinasien nach Griechenland flüchteten. Das arme Griechenland war nicht imstande, die Flüchtlinge aufzunehmen, aber Nansen legte einen kühnen Plan vor. Zwischen Griechenland und der Türkei sollten Bevölkerungsgruppen ausgetauscht werden. Eine halbe Million Türken sollte von Griechenland in ihre Heimat Kleinasien zurückgeschickt werden, und als Gegenleistung sollten ihnen ihre finanziellen Verluste erstattet werden. Darüber hinaus sollte die griechiche Regierung mit Hilfe eines Darlehens des Völkerbundes den heimkehrenden Griechen, die die leer gewordenen Plätze der Türken einnahmen, Arbeit und Wohnung beschaffen. Es dauerte acht Jahre, bis dieser ehrgeizige Plan verwirklicht war, aber er funktionierte einwandfrei.

Nobelpreisträger

In Anerkennung seines Einsatzes für die Flüchtlinge und die Hungernden beschloss das norwegische Nobelkomitee im Jahre 1922, Fridtjof Nansen mit dem Friedenspreis zu ehren. Er war der zweite Norweger, dem diese Auszeichnung zuteil wurde. Bezeichnenderweise spendete er das Geld für internationale Hilfsmaßnahmen.

Ab 1925 wendete Nansen einen großen Teil seiner Zeit für Hilfsmaßnahmen zugunsten armenischer Flüchtlinge auf. Die Armenier waren damals wie heute ein gequältes Volk. Nach dem türkischen Massaker waren sie in die Wüste vertrieben worden, was ihren sicheren Tod bedeutete. Nansen setzte sich mit Nachdruck für sie ein. Er arbeitete unermüdlich, um ihnen eine Heimat zu verschaffen und Geld für Bewässerungsanlagen aufzutreiben. Seine Vorhaben wurden vom Völkerbund abermals zurückgewiesen, und seine Bitte um finanzielle Unterstützung fand nur wenig Verständnis. Diese Rückschläge überwand er nicht mehr. Er reichte sein Abschiedsgesuch als Flüchtlingskommissar ein, aber der Völkerbund wollte es nicht annehmen. Trotz seines misslungenen Einsatzes für die Armenier wuchs sein Ansehen in einem Maße, dass sein Name noch heute in Armenien verehrt wird.

Nansen führte seine Arbeit im Völkerbund fort. Bei den Versammlungen von 1925 bis 1929 spielte er sowohl bei den Vorarbeiten für eine Konvention gegen Zwangsarbeit in den Kolonialgebieten als auch bei den Vorbereitungen für eine Abrüstungskonferenz eine zentrale Rolle.

Ein friedvoller Tod

Trotz seines ausgeprägten Interesses für die nationale Verteidigung - Nansen wurde 1915 Präsident des Norwegischen Vereins zur Förderung des Verteidigungswillens - war die Abrüstung ein brennendes Thema für ihn. Der Beschluss zur Einberufung der Abrüstungskonferenz 1932 wurde auf der elften Generalversammlung des Völkerbundes im Jahre 1930 gefasst. Auf der Konferenz war Nansens Stuhl jedoch leer. Am 13. Mai starb er friedvoll in seinem Haus Polh°gda in der Nähe von Oslo.

Nansens visionäre Klarsicht und seine Fähigkeit, Unwesentliches auszuschalten, um hochgesteckte Ziele zu erreichen, waren in einer konfliktgeladenen Zeit kostbare Eigenschaften. Die Welt brauchte ihn. Sie könnte auch heute einen Nansen brauchen.

Herausgegeben von Nytt fra Norge für das Kgl. Norwegische Außenministerium. Für den Inhalt des Beitrags ist ausschließlich der Autor verantwortlich. Nachdruck gestattet. Gedruckt im August 1998.

Quelle: ODIN - Informationen über Norwegen und die norwegische Gesellschaft
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Letzte Änderung: 10.09.2013