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Michelangelo Buonarroti

Die Pietà

Von Kardinal Jean de Bilhères de Lagraulas (Jean de Villiers de la Grolaie, Abt von St. Denis, 1434/1439-1499) erhält Michelangelo den Auftrag für eine »Pietà«. Im Frühjahr 1498 bricht Michelangelo in Carrara Marmor für die Skulptur (»Pietà von St. Peter«), die er 1499 vollendet. »Es wird wohl nie ein anderer Bildhauer ... den Entwurf dieses Werkes an Anmut und Schönheit übertreffen, noch den Marmor ... kunstvoller ausmeißeln können.« beschreibt der Biograf Giorgio Vasari (1511-1574) dieses Meisterwerk.

Pietà
Pietà, nach Michelangelos Skulptur in der Peterskirche. Zeitgenössische Darstellung eines unbekannten Werkstattgehilfen Michelangelos.
Ein Foto vom Original ist in der Wikimedia zu finden.
  • Da Michelangelo noch unbekannt war, wird das Werk einem anderen Bildhauer zugeschrieben. Wütend darüber meißelt er »MICHAEL ANGELUS BONAROTUS FLORENTINUS FACIEBAT« auf das Brustband der Maria. Es ist das einzige Kunstwerk, das Michelangelo je signiert hat.
  • Am 21. Mai 1972 wird die Pietà von dem vermutlich geistesgestörten 33jährigen Laszlo Toth mit einem Hammer schwer beschädigt (er schlägt dem Marmorkunstwerk einen Arm ab, beschädigt Nase und Auge).
  • Nach einer aufwändigen Restaurierung steht die Pietà nun hinter einer Schutzwand aus Panzerglas.

Michael Petery: Überlegungen zu Michelangelos Pietà

Michelangelos Auftragsgeber für die römische Pietà heißt Jean Villiers de la Grolaye, Kardinal von Saint Denis, Botschafter des französischen Königs am Papsthof. Jean Villier ist mehr ein Diplomat als ein Kleriker, und hat in dieser Eigenschaft alle frommen Illusionen über die Kirche verloren. Er findet Gefallen an der Idee, bei dem jungen Künstler ein Grabmal zu bestellen, welches im Vatikan eine wirkliche Provokation darstellen würde und einen Kunstskandal ersten Ranges auslösen. Tatsächlich wurde die berühmte Pietà des Petersdoms, welche uns heutzutage von so vielen Abbildungen und Photos geläufig ist, daß wir sie schon kaum mehr wahrnehmen, von den ersten Plänen an bewußt als ein Kunstskandal geplant.

Uns fällt das heute sicherlich schwer, darin noch den Skandal zu sehen, den die Statue im Jahr 1497 gemacht hat. Aber wir können versuchen, uns klarzumachen, warum diese Statue, so wie sie Michelangelo und der Kardinal gemeinsam erdachten, einen Skandal machen mußte.

Darstellungen von der Beweinung Christi durch seine Mutter hatte es auch schon vor Michelangelo gegeben. Gerade in Deutschland gab es eine lange Tradition von Andachtsbildchen mit dem Thema der Pietà, und von solchen Druckgraphiken her mag Michelangelo das Thema kennengelernt haben. Botticelli hatte das Thema bereits mehrere Male zu Florenz als Tafelbild gestaltet - eine Version befindet sich heute in der Alten Pinkothek in München- , nonnenhaft die Maria, eine ältliche Frau, völlig verhüllt und in ihrem Schmerz dahingesunken, typische Andachtsbilder, wie sie in der Savonarolazeit Gefallen fanden.

Was aber macht Michelangelo daraus? Er nimmt das Thema, bildet aber Maria als die junge Frau ab, als die sie sonst in der Kunst nur in den Darstellungen mit dem jungen Jesuskind auf dem Schoß dargestellt wird.

Es entsteht also eine merkwürdige Verschränkung zweier je für sich genommen sehr vertrauter Darstellungen. Es ist jetzt die junge Frau, eigentlich noch ein Mädchen, die den nackten toten Körper des dreißigjährigen Christus auf dem Schoß liegen hat.

Für die Zeitgenossen eine nahezu unerträgliche Provokation: Der nackte Körper eines Mannes auf dem Mädchenschoß, das konnte nicht anders als eine erotische Darstellung empfunden werden, ja geradezu als das, was wir heute Pornographie nennen. Und wie man sich jetzt vielleicht vorstellen kann, mußte die Verbindung eines religiösen Themas mit einem pornographischen Motiv im Vatikan die allergrößte Entrüstung hervorrufen, und das, obwohl man mit dem Papst Alexander Borgia und seinem offen zur Schau getragenem Liebesleben einiges gewohnt war.

Man ist also entsetzt, als Michelangelos Pietà das erste Mal enthüllt wird, und zwar an heiligster Stelle, in der alten konstantinischen Peterskirche, dem ältesten Bauwerk der Christenheit. Wie ist es möglich, daß eine solche Zumutung öffentlich zur Schau gestellt werden darf? Wie kann es sein, daß die heilige Inquisition es verschlafen hat, Künstler und Auftraggeber rechtzeitig aufs Schafott zu schaffen?

Die Wogen der Entrüstung gehen hoch. Die Bürger Roms drängen sich in die Kirche, das Bildwerk zu sehen, und mehr noch die Pilger, welche die Statue in solchen Trauben umstehen, daß man kaum noch herankommen kann. Alle sprechen sie von dem unanständigen Grabmal des französischen Kardinals und alle wollen sie es sehen. Auch Michelangelo kommt, mischt sich unter die Leute, hört, was man in der Menge sagt. Und so sehr er sich über die Aufmerksamkeit freut, die seine Statue auf sich zieht, so ärgert er sich doch gleichzeitig, daß alle nur über den Kardinal sprechen und die Ungehörigkeit, die er begangen hat, aber niemand über den Künstler und Urheber.

So begibt er sich am hellichten Tag nochmals in die Kirche, eine Leiter unter dem einen Arm, und klettert vor der erstaunten Menge seine eigene Statue hinauf, um dort in das Band, das sich über Mariens Brust zieht, in großen Lettern die Worte einzumeißeln: MICHAELANGELUS FLORENTINUS ME FECIT. "Michelangelo aus Florenz hat mich gemacht." Mit einer solchen Inschrift konnte über den Urheber dieser Pietà tatsächlich keine Ungewissheit mehr bestehen. Und Michelangelos Aktion macht nochmals Skandal: Noch nie hat ein Künstler ein Werk religiöser Kunst so brutal und offenkundig signiert. Die örtlichen Souvenirhändler sind begeistert. In Tausenden von Exemplaren verkaufen sich Kupferstiche mit der Abbildung von Michelangelos Pietà- und auf diesen Abbildungen ist das Band mit der Signatur Michelangelos nur noch größer abgebildet als in Wirklichkeit. Jeder Rombesucher möchte die Kunde vom Skandal mit nach Hause nehmen und den Seinen zeigen. Innerhalb von Wochen und Monaten ist Michelangelo über Italien und über Europa hinweg ein berühmter Mann.

Der Papst kann dem Treiben nicht länger zusehen und sieht sich gezwungen, eine theologische Kommission zusammenzustellen, die sich mit dem Bildwerk im Petersdom auseinandersetzt. Doch für die Nachfragen der Kommission sind Michelangelo und Kardinal Jean de Villiers gut gewappnet. Steht denn nicht beim Kirchenlehrer Irenäus, daß Jungfrauen niemals altern würden? Wäre denn nicht umgekehrt eine jede Darstellung einer gealterten Maria eine Gotteslästerung, weil sie Maria unterstellen würde, nicht jungfräulich geblieben zu sein? Das ist eine Argumentation, die sogar dem Papst gefällt; und so bleibt Michelangelos Pietà im Petersdom.

Michelangelo hat es also geschafft. Mit einem Schlag ist er berühmt, ein Meister, mit dem man in Italien rechnen muß. Endlich erscheint er uns so, wie wir ihn kennen: ein Künstler, maßlos und ausgreifend, bereit jedes Tabu um des künstlerischen Effektes willen zu brechen.

Schon bei seiner Pietà ist es weniger die handwerkliche Meisterschaft, die Michelangelos Ruhm begründet, als vielmehr die Wucht, mit der er sich über alle bisherigen Konventionen hinwegsetzt. Die Kombination der jungen Muttergottes, die statt des kleinen Jesusknaben den toten Dreißigjährigen auf ihrem Schoß hält, ist wirklich ein starkes Stück. Es ist Kollagekunst, Verbindung zwar bekannter, aber so noch nie gemeinsam gesehener Elemente- etwas, was die Kunstgeschichte danach erst wieder im 20. Jahrhundert kennt, bei Picasso zum Beispiel oder bei Max Ernst.

Weitere Ausführungen zum Thema finden Sie in dem Michelangelo-Buch:
Michael Petery: Frömmigkeit und Ironie, ISBN-13: 978-3981044805

Dies ist ein Gastbeitrag von Michael Petery, veröffentlicht mit seiner freundlichen Genehmigung.

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Zuletzt geändert am 24.01.2014

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