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Michelangelo Buonarroti

Gedichte

Satirisches Schweifsonett Michelangelos

...über seine Arbeit an der Decke der Sixtinischen Kapelle

An Giovanni aus Pistoia

Schon wächst ein Kropf mir über diesem Placken,
Wie Katzen vom lombard'schen Wasser auch
In andern Ländern mehr, wo Kröpfe Brauch;
Ans Kinn ist mir der Leib wie angebacken.

Den Bart reck' ich gen Himmel, mit dem Nacken
Rückwärts gelehnt, und mit Harpyien-Bauch,
Derweil der Pinsel, immer überm Aug',
Ein schön Mosaiko kleckt auf die Backen.

Die Lenden kriechen tief mir in den Ranzen,
Den Steiß ball' ich zum Knäul als Widerlage,
Nicht einen Strich seh' ich, den ich gezogen.

Nach hinten schrumpft das Leder mir zu Fransen,
Je mehr ich vorn mich auszudehnen plage,
Und krümme mich als wie ein Syrer-Bogen.

Weshalb doch sehr erlogen
Die Meinung scheint, und wie erdacht von Toren,
Daß man nicht schieß' aus krummen Blaserohren.

Giovann', mein totgeboren
Bild nun verteid'ge du, und meine Ehre!
Der Ort taugt nichts, wenn ich auch Maler wäre.

(Übertragen von G. Regis)
Quelle: Digitale Bibliothek Band 22: Kindlers Malerei-Lexikon, Künstlerlexikon: Michelangelo Buonarroti

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Sonette an Tommaso Cavalieri

Nicht Sterbliches sahn meine Augen, als
in deinen schönen aufging aller Frieden.
Nein, eine Seele, Bösem abgeschieden,
traf die verwandte, liebend ebenfalls.

Wär sie nicht gottgleich, hätte sie Genügen
am Außenschönen, das dem Aug gefällt,
nichts mehr begehrend; doch, weil Bilder trügen,
so geht sie über ins Gebild der Welt.

Ich sage, das, was stirbt, befriedigt nicht
Einen, der lebt. Nicht aus der Zeit genommen
wird Ewiges; sie häutet sich zu sehr.

Was seelentödlich aus den Sinnen bricht,
ist keine Liebe. Unsre macht vollkommen
die Freunde hier und durch den Tod noch mehr.

 
Mit deinen Augen seh ich süßes Licht,
das ich mit meinen blinden nicht mehr schaue,
und, das ich, lahm, zu tragen mich getraue,
mit deinen Füßen trag ich dies Gewicht.

Dem Federlosen gibt dein Flügel Halt,
dein Geist weiß mich zum Himmel zu entfachen,
du hast die Macht, mich rot und blaß zu machen,
im Froste heiß und in der Sonne kalt.

In deinem Willen ist mein Wille drin.
mein Denken wird in deiner Brust bereitet,
in meine Worte weht dein Atem ein.

Es scheint, daß ich dem Monde ähnlich bin.
den unser Auge oben nur begleitet.
soweit die Sonne ihn versieht mit Schein.

 
Gebt meinen Augen wieder, Quellen, Flüsse.
die starken Qellen, die nicht euer Eigen
und die euch wachsen machen. höher steigen,
als sonst der Brauch ist euerer Ergüsse.

Und du, gedrängte Luft, die Himmelslichte
mir dämpft, als ob sie ganz voll Seufzer wäre,
gib sie ans müde Herz zurück und kläre
dein Finstres meinem schärferen Gesichte.

Die Erde selbst erstatte meinen Sohlen
die Schritte wieder, ihrem Gras zuliebe,
das Echo, meiner müde, mir den Klang;

laß meinen Blick aus deinem Aug mich holen,
daß ich zu anderm Lieben fähig bliebe
bei deinem unbefriedigten Empfang.

 
Ich wollte wollen, Herr, was ich nicht will:
vom Feuer trennt das Herz ein Schleier Eises
und dämpft die Glut; der Nachdruck des Beweises
fehlt meiner Feder, und das Blatt hält still.

Mit meiner Zunge lieb ich dich und dann
beklag ich mich, die Liebe nicht zu spüren;
wo aber stürzt sie denn, durch welche Türen,
ins Herz und tut den schlechten Stolz in Bann.

Zerreiß den Schleier, du, o Herr, zerbrich
die Mauer, die mit ihrer Härte hindert
dein Sonnenlicht, der Erde Angebinde.

Schick deiner Braut des Glanzes Kunft, daß ich
aufflammen kann und, länger nicht vermindert
von Zweifeln, dich allein das Herz empfinde.

 
Wenn keusche Liebe, die der Himmel sendet,
Wenn auch das Glück zwei Liebende sich teilen,
In einem Mitleid beider Wunden heilen,
Wenn beider Herz zu einem Geist sich wendet,

Zu einem Flug, der erst am Himmel endet,
Weil eine Seele sich zwei Leiber teilen,
Wenn Amor mit den spitzen, goldnen Pfeilen
Im selben Feuer beide brennt und blendet,

Wenn selbstlos jeder in dem andern Heil nur
Und Freude und sein Wohlgefallen findet
Und beide sich zu einem Ziel verschwören:

Tausendmal dies wär' doch der kleinste Teil nur
Der Liebe, die nun dich und mich verbindet;
Verächtlichkeit allein kann sie zerstören.

Übersetzung von Rainer Maria Rilke

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Zuletzt geändert am 26.06.2010

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